Alle fünf Krimis aus der „Haverbeck ermittelt“-Reihe

Tod einer Millionärin_5
Achim Zygar: Tod einer Millionärin

5. Fall: Tod einer Millionärin (ebook bei Amazon).

Das Taschenbuch gibt es hier für 9,90 Euro beim Autor.

In der Industriellen-Familie der Bernheims ist ein Kampf um zig Millionen Euro entbrannt. Alles dreht sich um die Erbschaft der kürzlich verstorbenen Firmenpatriarchin Clotilde Bernheim. Es ist ein blutiger Kampf. Als ein Mann erstochen auf einem Wanderweg im Teutoburger Wald gefunden wird, sieht es erst nach Raubmord aus. Doch die Spur führt zu den Bernheims und zu den beiden Brüdern Bernd und Kai. Der Tote ist ihr Halbbruder, der zur Beerdigung der verstorbenen Mutter aus den USA gekommen war. Mit ihm müssen sie die Erbschaft nun nicht mehr teilen. Für Kriminalhauptkommissar Haverbeck ist die Ermittlungsarbeit mühsam, denn weitere Todesfälle kommen hinzu. Und dann ist da noch ein schlimmes Geheimnis, das er lüften muss. Dass sein neuer Chef zum Freundeskreis der Bernheims gehört, erschwert seine Arbeit zusätzlich.

Achim Zygar: Tod einer Beauty-Queen
Achim Zygar: Tod einer Beauty-Queen

4. Fall: Tod einer Beauty-Queen (als ebook und Taschenbuch bei Amazon)

Deutschlands größter Diskotheken-Betreiber, Klaus Müller, hat zwei Probleme: Die Besucher bleiben weg und er steht vor einem riesigen Schuldenberg. Ein Beautywettbewerb soll beide Probleme lösen. Doch kurz vor dem Finale stirbt unter mysteriösen Umständen einer seiner Angestellten. Er wird vom Dach eines Geschäftshauses geworfen. Ein Fall für Siegfried Haverbeck. Der Kriminalhauptkommissar aus Bielefeld tippt auf Mord. Beim Beautywettbewerb geht auch nicht alles mit rechten Dingen zu. Und ist es wirklich so eine gute Idee, dass Müller seine Tochter ins Rennen schickt? Dann kommt noch eine Teilnehmerin des Wettbewerbs ums Leben. Ganz allmählich zeigt sich, dass hinter den Morden ein geradezu teuflischer Plan steckt.

Achim Zygar: Tod einer Wahrsagerin
Achim Zygar: Tod einer Wahrsagerin

3. Fall: Tod einer Wahrsagerin (als ebook und Taschenbuch bei Amazon)

Eigentlich freut sich Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck schon auf sein freies Wochenende. Endlich mal Zeit für Frau Carola und das kleine Töchterchen. Doch dann wird die schöne Wahrsagerin Anastasia Patopulos tot aufgefunden, erschlagen in ihrem Zelt während des Sparrenburgfests in Bielefeld. Gleich am Anfang seiner Ermittlungen stößt Haverbeck auf den zwielichtigen Lebenswandel der 30jährigen. Denn sie wusste nicht nur, wie man mit Karten in die Zukunft blickt, sondern auch, wie man reiche Männer dazu bringt, ihr regelmäßig ansehnliche Geldbeträge zu überweisen. Die Suche nach dem Täter gestaltet sich schwierig. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Haverbecks neuer Chef alles besser weiß und ihm das Leben schwer macht.

Achim Zygar: Tod eines Musikers
Achim Zygar: Tod eines Musikers

2. Fall: Tod eines Musikers (ebook bei Amazon.

Das Taschenbuch gibt es für 9,90 Euro hier beim Autor.

Sex, Macht und Geld Die Welt der klassischen Musik – das ist Biederkeit mit einem gehörigen Schuss erhabener Langeweile. So stellt sich auch Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck das Innenleben eines städtischen Kulturorchesters vor. Bis er in Bielefeld einen Mord im Musikermilieu aufklären muss. Da betritt er eine ganz andere Welt. In der geht es um Sex, Macht und viel Geld. Fast alle mischen sie mit, jagen sich gegenseitig ihre Freundinnen und Geliebten ab oder handeln mit wertvollen Instrumenten. Es ist eine Welt des schönen Scheins. Wer mitmacht, kann aufsteigen oder untergehen. Gelegentlich mit tödlichem Ausgang.

Achim Zygar: Tod eines Pizzabäckers
Achim Zygar: Tod eines Pizzabäckers

1. Fall: Tod eines Pizzabäckers (als ebook und Taschenbuch bei Amazon)

Der Pizzabäcker Gorgio Demoli wird von seiner Frau tot am Ende einer Kellertreppe gefunden. Es sieht nach einem Unfall aus. Doch Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck hat so seine Zweifel und tippt auf Mord. Er und sein Team, darunter auch seine Freundin, stoßen im Laufe der Ermittlungen auf ein sorgsam gespanntes Netz aus Lügen und falschen Indizien. Erst ein weiterer Toter bringt sie auf eine erfolgversprechende Spur. Was Haverbeck und seine Leute im Zuge ihrer Ermittlungen aufdecken, bleibt nicht auf die beiden Kriminalfälle beschränkt. Auch das Leben vieler ehrenwerter Bürger wird durch die Ermittlungen ziemlich durcheinander gewirbelt.

Alle Krimis sind als Ebook und Taschenbuch erhältlich. Vertrieben werden sie derzeit nur über Amazon.de

 

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Leseprobe aus „Tod einer Beauty-Queen“

Leseprobe

Tod einer Beauty-Queen

Kriminalroman

Haverbeck ermittelt und enthüllt einen teuflischen Plan (4. Fall)

 

 

  • 1

 

»Spinnst du, hier um diese Uhrzeit anzurufen? Ich melde mich. Tschüss.«

Ludmilla Müller legt den Telefonhörer vorsichtig auf. Im Hintergrund hört sie, wie jemand die Haustür öffnet. Sie geht auf den Flur. Es ist ihr Mann.

»Hallo Liebling«, sagt sie und geht lächelnd auf ihn zu. Sie reckt ihren Kopf nach oben und gibt ihm einen Kuss.

»Wie war dein Tag?«

Klaus sieht sie an, als wundere er sich über die Frage.

»Scheiße«, sagt er mit seiner tiefen, rauchigen Stimme.

Er zieht den Wolfspelzmantel aus, wirft ihn über den Garderobenständer und kickt seine handgefertigten Schuhe in die Ecke. Dann schlüpft er in Micky Maus-Hausschuhe, die ihm seine Tochter zum vierundfünfzigsten Geburtstag geschenkt hat.

Wortlos geht er ins Wohnzimmer. Ludmilla sieht ihm hinterher. Sie spürt es, er braucht Ruhe. Jedes weitere Wort könnte ihn jetzt reizen. Sie verschwindet in der Küche.

Ihr Mann lässt sich auf die schwarze Ledercouch fallen. Mit leerem Blick sieht er gerade aus. Fünf Meter vor ihm erstrahlt New York bei Nacht, in Öl gemalt, leicht abstrakt. Die Straßenschluchten mit den erleuchteten Wolkenkratzern sind gut zu erkennen, darauf kam es ihm an. Neumodisches Farbgekleckse wollte er nicht. Wenn er schon zwei Millionen Euro ausgibt, will er nicht herumrätseln müssen. Das war seine Überlegung, als er das Gemälde vor fünf Jahren kaufte. New York, das war und ist die Stadt seiner Träume. Sie fasziniert ihn, auch wenn er nie da war. Das drei Meter breite und fast bis zur Decke gehende Gemälde hält ihm seine Sehnsucht vor Augen. Im Schlafzimmer hängt noch ein Werk dieses Künstlers, nicht so schön, aber fast genauso teuer. Früher, als er jung war, hatte er Zeit, hätte sich Big Apple ansehen können, aber das Geld war knapp. Heute hat er weder Zeit noch richtig Geld. Heute hat er nur noch Schulden und Sorgen.

 

Müller steht auf und geht zur Glasvitrine mit den hochprozentigen Getränken rechts neben dem Gemälde. Durch die vielen Beleuchtungselemente sieht sie wie ein zweites Kunstwerk aus. Er nimmt sich ein Glas und steht unschlüssig vor den Flaschen. Die Wahl fällt auf einen sechzehn Jahre alten schottischen Whisky. Mit einem randvoll gefüllten Glas geht er zur Fensterfront. Er nimmt einen kräftigen Schluck und blickt in den taghell erleuchteten Garten.

Nie hätte er sich auf dieses Scheißgeschäft einlassen sollen. Er beißt seine Zähne zusammen, schüttelt den Kopf und schließt für ein paar Sekunden die Augen. Wellness-Oasen sind eine krisensichere Sache. Wellness ist das Geschäft der Zukunft. Greifen Sie zu, so eine Gelegenheit kommt nie wieder. Damit kann nichts schief gehen. Mit solchen Sprüchen lag ihm der Berater wochenlang in den Ohren. Zum Schluss war er darauf reingefallen, hatte sich mit Hochglanzbroschüren über den Tisch ziehen lassen und Gutachten vertraut, die so ein Professor unterschrieben hatte. Er, der sonst jeden Trickser und Blender auf Anhieb durchschauen kann. Jetzt muss er sich nicht nur um seine zwanzig Diskotheken in ganz Deutschland kümmern, die schon mal mehr Gewinn abgeworfen haben. Nein, jetzt hat er zusätzlich fünf sanierungsbedürftige Wellness-Oasen in Kurorten am Hals, die er größtenteils mit geliehenem Geld gekauft hat. Im Kleingedruckten stand, dass Sanierungsbedarf besteht. Aber da hatte er den Vertrag schon unterschrieben. Fünfzehn Millionen Euro für fünf abgenutzte Wellness-Oasen. Nie hat dieses Arschloch von Berater das auch nur mit einer Silbe erwähnt. Müller geht langsam zur Couch und blickt wieder auf New York bei Nacht.

Jetzt macht ihm seine Hausbank Schwierigkeiten. Für Renovierungsmaßnahmen in seinen Diskotheken wollte er heute einen weiteren Kreditvertrag unterschreiben. Alles war vorbereitet. Doch was erzählt ihm der Filialleiter? Der Vorstand hätte es sich kurzfristig anders überlegt. Dafür müsse er Verständnis haben, musste Müller sich anhören. Und die Gründe für die Meinungsänderung? Die Wellness-Oasen. Wenn die gut liefen, könne er gerne wegen eines zusätzlichen Kredites nachfragen.

 

Disko-Müller, wie er sich auch gerne nennen lässt, nimmt noch einen Schluck. Es muss wieder an diesen Wellness-Berater denken. Wenn der ihm nochmal über den Weg läuft, wird er ihm seine dämliche Fresse polieren. Krankenhausreif wird er ihn schlagen, sämtliche Knochen wird er ihm brechen. Er hat schon ganz andere Typen für Wochen ins Krankenbett geschickt. Müller spürt, wie die Wut wieder in ihm hochsteigt, sein Hals dicker wird und ihm das Schlucken schwerfällt. Er trinkt den letzten Rest Whisky. Mehrmals atmet er tief durch, beißt die Zähne zusammen und ballt die freie Hand zur Faust. Dann schleudert er mit einem Schrei das leere Glas an die gegenüberliegende Wand.

»Verdammte Scheiße«, brüllt er hinterher. Das Glas ist nur wenige Zentimeter unterhalb des Gemäldes zersprungen. Müller lässt sich auf die Couch fallen und fasst sich an die Stirn. Dann gleitet seine Hand langsam über das breite, solariumgebräunte Gesicht. Er blickt wieder in den Garten.

Seine Frau kommt mit Besen, Handfeger und Kehrblech. Wortlos schiebt sie die feuchten Glasscherben zusammen. Er beobachtet sie und schweigt. Als sie fertig ist und geht, sagt er leise »Danke. Entschuldige, aber es ist über mich gekommen.«

Sie dreht sich um. »Bitte, lass das Bild heile.«

Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Aber sie hat natürlich Recht. Es ärgert ihn selbst, dass er den geschäftlichen Frust mit nach Hause nimmt. Früher konnte er Privates und Geschäftliches auseinanderhalten. Bis vor ein, zwei Jahren lief alles super. Probleme? Das war ein Fremdwort. Jedenfalls gab es nichts, worüber er sich ernsthaft Sorgen machen musste. Die Diskotheken waren rappelvoll, egal ob in Bielefeld, Bochum, München oder Berlin. Doch jetzt ist der Wurm drin. Nicht nur in einer, nein in fast allen. Als hätte man sich gegen ihn verschworen. Er lächelt bitter in sich hinein. Mit einer solchen Erklärung könnte er leben, dann hätte er wenigstens eine. Doch genau die fehlt ihm.

Er sollte vielleicht doch einen externen Berater kommen lassen. Einen, der sich in der Branche auskennt, der sich mit kritischem Blick in den Diskotheken umsieht. Möglicherweise ist er über die Jahre wirklich betriebsblind geworden. Von seinen Geschäftsführern hat er schon den einen oder anderen Hinweis bekommen. Die Lichtanlagen funktionieren nicht immer. Technisch sind sie auf dem Stand von vor zehn Jahren. Diskogänger merken das und lästern dann auf den einschlägigen Internetseiten herum. Auch das Mobiliar und die Teppiche sind in vielen Häusern abgewetzt. Genau dafür hätte er den abgelehnten Kredit nehmen wollen.

 

Aber Berater kosten Geld. Nein, die braucht er nicht. Und er denkt in diesem Moment an seine teuren Wellness-Oasen. Nein, von diesen Typen kommt mir keiner mehr ins Haus. Ich schaffe das auch alleine. Er ist ja auch ohne fremde Hilfe auf die Idee gekommen, wie er seine Diskotheken vielleicht wieder voll bekommt  – mit einem deutschlandweiten Schönheitswettbewerb.

Der Geistesblitz war ihm beim Hanteltraining im Fitness-Studio gekommen. Es folgten Gespräche mit seiner Werbeagentur und vor einem halben Jahr begannen die Vorbereitungen für die Wahlen in den sechszehn Bundesländern.

Das Neue an dem Wettbewerb: Keine Jury entscheidet, sondern es wird übers Internet abgestimmt. Die Vorwahlen sind mittlerweile abgeschlossen. Auf Landesebene stehen die Siegerinnen fest. Die sechszehn Endausscheidungen fanden in seinen Diskotheken statt. Es waren Riesenshows mit den Bestplatzierten. In Nordrhein-Westfalen konnte seine Tochter, Tanja Bergmann, aufs Siegertreppchen steigen. Jetzt geht es um den Gesamtsieg. Wer wird Deutschlands Beauty-Queen? Seit drei Wochen kann abgestimmt werden. In allen Städten mit Müller-Diskotheken ist großflächig plakatiert worden. Zwei PR-Agenturen bearbeiten alle Medien und machen das Finale in Berlin als das Ereignis des Jahres bekannt.

Auch zwei Schauspielerinnen aus irgendwelchen Soaps sind engagiert worden. Immer wenn Müller an sie denkt, wird sein Kopf ganz heiß. Damit die in den Diskotheken für ein paar Minuten ihr Gesicht zeigen, Autogramme geben und zwei, drei dünne Sätze säuseln, zahlt er zehntausend Euro. Für jede, versteht sich. Kosten für Bodyguards, Übernachtungen und was sonst noch in Rechnung gestellt wird, kommen hinzu.

Trotzdem hat er ein gutes Gefühl bei diesem Beauty-Wettbewerb. Nicht nur, weil die Idee von ihm ist, sondern auch, weil seine Tochter mitmacht und ihn gewinnen wird. Für Tanja, die den Nachnamen ihrer verstorbenen Mutter trägt, tut er alles.

 

 

 

  • 2

 

Es ist kalt. Für Mitte November sogar sehr kalt. Die Meteorologen hatten von einem nächtlichen Kälteeinbruch gesprochen, der für diese Jahreszeit ungewöhnlich sei. Doch davon weiß Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck nichts, als er kurz nach drei Uhr aus dem Bett geklingelt wird.

Wobei das so nicht stimmt. Seine Frau wird wach. Mehrmals drückt sie gegen seine Schulter. »Dein Handy klingelt.« Irgend etwas vor sich hingrummelnd greift zum Gerät auf seinem Nachttisch.

»Haverbeck . . . Was? . . . Wo? . . . Ich bin gleich da.« Dann legt er auf. Er setzt sich auf die Bettkante und dreht sich zu Carola um. Sie ist wieder eingeschlafen. Mondlicht durchflutet das Schlafzimmer. Er lauscht für einen Augenblick in die Stille. Gott sei Dank. Seine Tochter, die seit kurzem in ihrem eigenen Zimmer schläft, ist durch das Klingeln nicht wach geworden.

 

Zehn Minuten später steht Haverbeck im Hauseingang und friert. Er überlegt, was er davon halten soll. Friert er, weil er noch müde ist und die Bettwärme vermisst? Oder ist es wirklich so kalt? Der Blick aufs Thermometer an der Wand im Eingang lässt keinen Zweifel: Es ist verdammt kalt, fast zehn Grad unter Null. Also wieder ins Haus. Wenig später geht er mit einem Mantel bekleidet zum Auto und friert immer noch. Jetzt sind es die Füße, die sich melden. Natürlich, irgendwann ist die Zeit der leichten Sommerschuhe vorbei. Egal, solange wird der Einsatz nicht dauern, hofft er.

Ein junger Mann soll tot in der Fußgängerzone am Jahnplatz liegen. Die Kollegen von der Spurensicherung seien schon vor Ort, was Haverbeck irgendwie ärgert. Es ist nicht das erste Mal, dass zuerst die Spurenleute angerufen werden und dann er. Eine Dienstvorschrift, die diese Reihenfolge vorschreibt, gibt es jedenfalls nicht. Aber soll er sich wirklich darüber aufregen? So konnte er länger schlafen und die Kollegen können ihm schneller Fragen beantworten.

 

Als Haverbeck den Platz erreicht, erwartet ihn nicht nur ein hell erleuchteter Fundort, sondern auch sein Assistent Philip Landmann, der ihm entgegenkommt.

»Wie, Sie sind schon da?«, wundert sich Haverbeck.

»Schon lange.«

»Aha.« Mehr will er zu dem Thema nicht sagen, obwohl er sich dazu zwingen muss. Trotz aller Vorteile – jetzt würde er doch gerne wissen, warum er diesmal ganz am Ende der Telefonkette stand. Bin ich bei jemandem in Ungnade gefallen?

»Was wissen wir denn schon?«, fragt er Landmann und spürt seine kalten Füße, die nach Wärme schreien.

Wenn sein Assistent schon so früh vor Ort war, dann soll er jetzt auch zeigen, was er kann.

»Er ist vermutlich von da oben gekommen«, sagt Landmann auf dem Weg zu dem Toten und zeigt zum Dach eines mehrstöckigen Kaufhauses. Über dem Fundort schwebt eine riesige Plane, die von zwei Fahrzeugen der Feuerwehr gehalten wird. Wobei Haverbeck nicht klar ist, was die Plane soll. Rechnet man mit Schnee? Unter dem provisorischen Dach liegt der leblose Körper. Zwei Kollegen der Spurensicherung hocken in Schutzanzügen daneben. Mit Pinzetten nehmen sie Fusseln von der Kleidung und stecken sie in durchsichtige Plastiktütchen.

»Die Verletzungen deuten auf einen Sprung aus großer Höhe hin«, sagt plötzlich jemand, der hinter ihm steht. Die weibliche Stimme kann er nicht sofort einordnen. Er dreht sich um und sieht Dr. Ulrike Gentschenfeld ins Gesicht. Ach nein, schießt es Haverbeck durch den Kopf.

»Schön, Sie zu sehen«, lügt er. Eine bessere Formulierung fällt ihm auf die Schnelle zu dieser nachtschlafenden Zeit nicht ein. »Ist Dr. Steinkühler im Urlaub?«

»Wie, vermissen Sie ihn? Herr Haverbeck, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie künftig mit mir vorliebnehmen müssen.«

»So war die Frage doch überhaupt nicht gemeint. Wo ist er denn?«

»Wie, das wissen Sie nicht? Herr Haverbeck, Herr Haverbeck, Sie sind aber schlecht informiert.«

Dass die Frau mit ihren Formulierungen selten diplomatisch umgeht, ist allgemein bekannt. Aber wenn es nur das wäre. Sie scheint zu wissen, wie man ihn auf die Palme bringen kann. Er schließt kurz die Augen, lässt ein beruhigendes ›ommm‹ durch den Kopf gehen und fragt mit einer Stimme, die so normal wie möglich klingen soll:

»Was weiß ich nicht?«

»Herr Dr. Steinkühler hat sich kurzfristig pensionieren lassen, vermutlich aus gesundheitlichen Gründen«, hört er als Antwort. Aber nicht von der Medizinerin, die nur bestätigend nickt, sondern von seinem Assistenten. Es reicht. Dass der Landmann dann noch ein Gesicht macht, als wüsste das schon das ganze Präsidium, ist zu viel. Der Tag beginnt definitiv nicht gut. Haverbeck kommt sich vor wie ein Praktikant. Erst wird er als letzter über den Einsatz informiert und dann weiß er nichts von dieser Pensionierung. Gut, mit dem Steinkühler ist er nie richtig warm geworden, es war ein professionelles Arbeitsverhältnis. Die Zusammenarbeit klappte, meistens jedenfalls. Aber dass er ohne ihm etwas zu sagen in den Ruhestand geht, das ärgert ihn.

»Schön, dann weiß ich das jetzt auch. Nun wieder zu unserem Toten.«

»Ich war noch nicht fertig«, meldet sich die Medizinerin wieder zu Wort und hockt sich neben den leblosen Körper. »Kommen Sie doch mal zu mir. Was riechen Sie?«

Haverbeck denkt gar nicht daran, Frühsport zu treiben und in die Hocke zu gehen.

»Erzählen Sie mir, was ich riechen soll. Ich werde es nicht anzweifeln«, sagt Haverbeck und versucht ein wenig zu lächeln.

Die Medizinerin steht auf und klopft ihren Mantel ab. »Der muss vor dem Sprung kräftig Alkohol getrunken haben.«

»Aha«, sagt Haverbeck. »Aber warum sprechen Sie immer von einem Sprung? Ob es Selbstmord war, wissen wir doch noch gar nicht.«

»Ich mache seit fünfzehn Jahren den Job. Eine solche Konstellation spricht immer für Selbstmord. Das würde ja sonst bedeuten, dass . . .«

». . . dass er sich nicht freiwillig auf den Weg nach hier unten begeben hat.« Haverbeck geht auf seinen Assistenten zu, der etwas notiert. »Wir müssen aufs Dach.«

»Chef, das habe ich schon angeleiert. Der Hausmeister will sich beeilen, hat er mir versprochen.«

»Sehr gut«, sagt Haverbeck und nickt anerkennend. Dann wendet er sich dem Chef der Spurensicherung zu.

»Wissen Sie schon etwas über die Identität des Toten?«

Wortlos greift Bernd Sommer in seinen Koffer und reicht ihm einen kleinen durchsichtigen Plastikbeutel. »Herr Landmann«, sagt Haverbeck und dreht sich um, »notieren Sie: Nachname Berisha, Vorname Tarik, vierundzwanzig Jahre alt, Geburtsort Bielefeld.«

»Hier habe ich noch seine Visitenkarte.«

»Die Schrift kann man ja kaum lesen«, sagt Haverbeck und neigt den Beutel mit der Karte solange hin und her, bis er den Text entziffern kann. »Geschäftsführer einer Diskothek war er, Blue Motion . . .«

»Den Namen habe ich schon gehört, Chef. Ich glaube, die liegt am Klosterplatz«, sagt Landmann.

»Stimmt, jetzt kann ich mit dem Namen auch etwas anfangen. Gibt`s da nicht häufiger Randale?«

»Ich war noch nie in dem Laden, aber einen guten Ruf hat die Diskothek nicht. Besonders in letzter Zeit waren mehrmals Kollegen vor Ort.«

 

Landmann hätte den Hausmeister im Bett lassen können. Denn die schwere Stahltüre, die von der Seitenstraße direkt zum Treppenaufgang führt, ist nicht abgeschlossen. Haverbeck sieht seinen Assistenten an und der geht in Verteidigungsposition. »Damit habe ich nicht gerechnet.«

Der Weg aufs Dach ist beschwerlich. Nach einem Fahrstuhl will Haverbeck den Hausmeister trotzdem nicht fragen. Er braucht es auch nicht. Denn so, wie sich der Mann mit seinem beeindruckenden Bierbauch die Treppen hoch quält, hätte er mit Sicherheit einen Fahrstuhl genommen.

Der Chef der Kriminaltechnik ist nach dem Hausmeister als erster auf dem Dach. Seinen Werkzeugkoffer lässt er neben der Tür stehen. Die Luft ist noch klarer und kälter als unten. Ein großes Reklameschild am anderen Ende des Daches taucht die Szene in rötliches Licht.

»So, wohin müssen wir nun gehen?«, fragt Haverbeck den Hausmeister. Der rührt sich nicht von der Stelle und zeigt nur in die Richtung. »Ich warte hier auf sie.«

»Herr Haverbeck, Herr Landmann, könnten sie bitte kurz stehenbleiben?«

»Ach so, natürlich . . .« Haverbeck ärgert sich, dass er nicht selbst darauf gekommen ist. Aber Spurensicherer sind instinktiv vorsichtiger an Orten, die Täter betreten haben könnten.

 

Mit einem Handstrahler leuchtet Sommer den Bereich zwischen Tür und Dachkante aus. Die gesamte Dachfläche ist mit einer Kiesschicht bedeckt.

»Hier sind mehrere Leute herumgelaufen«, sagt Bernd Sommer und drückt Landmann den Scheinwerfer in die Hand.

»Halten Sie mal.«

Sommer holt eine Kamera aus seinem Koffer und macht ein paar Aufnahmen.

»Wenn es hell ist, suchen wir die Fläche noch mal ab. Was haben wir denn hier?«

Sommer steht kurz vor der Dachkante und geht in die Hocke.

»Herr Landmann, ich brauche Licht. Herr Haverbeck, sehen Sie die beiden Kieshaufen?«, fragt er und neigt seinen Kopf seitlich nach oben.

Haverbeck nickt. »Und was heißt das?«

»Vermutlich hat sich das Opfer mit gestreckten Beinen dagegen gewehrt, vom Dach geschubst zu werden. Der Mann hat gemerkt, was man mit ihm vorhat. Mit den Hacken hat er den Kies zusammengeschoben. Sehen Sie die Betondecke? Wenn es ein bisschen heller wäre, würden wir vielleicht sogar den Sohlenabrieb erkennen.«

Der Kriminaltechniker steht auf. Dann macht er einen Schritt Richtung Tür und ist plötzlich freudig erregt. »Sehen Sie sich das an . . .« Er zeigt auf eine Mulde im Kies. »Hier hat der andere gestanden. Der musste schieben und ist selbst versunken. Das ist ja alles wie im Lehrbuch. Wenn ich vor Polizeischülern wieder einen Vortrag halte, dann muss ich die Fotos unbedingt zeigen.« Er macht von mehreren Seiten Aufnahmen, während Landmann ihn mit Licht versorgt.

»Wissen Sie, Herr Haverbeck, mir fällt etwas gerade ein. Vor Jahren habe ich in Gütersloh einen ähnlichen Fall gehabt. Da wollte ein Vater seinem Sohn aus erzieherischen Gründen einen Schrecken einjagen. Die standen auch auf einem Hochhausdach.«

»Und wie ist das ausgegangen?«

»Es muss zum Kampf gekommen sein, was vermutlich nicht geplant war.«

»Und?«

»Die sind beide vom Dach gefallen.«

Haverbeck streicht sich nachdenklich mit der Hand übers Kinn. »Wenn unser Toter betrunken war, dann war die Ausgangslage anders.«

Der Kriminaltechniker nickt. »Ich würde mich nicht wundern, wenn hier jemand einen ganz perfiden Plan erfolgreich umgesetzt hat.«

 

  • 3

 

»Ich habe ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Sie wird ausreichen, um die Weinkrämpfe zu unterdrücken. Wenn nicht, Sie wissen, wo Sie mich erreichen können. Ihre Tochter wird die nächsten Stunden schlafen.«

Der Arzt gibt Klaus Müller zum Abschied die Hand. Er spürt, dass auch der Vater, wenn schon keine Spritze, dann zumindest aufmunternde Worte braucht. »Machen Sie sich keine Sorgen. Tanja ist eine starke junge Frau. Ich kenne sie ja, seit sie so groß ist«, sagt er und hält seine Hand auf Hüfthöhe. »Spätestens in zwei, drei Tagen wird sie wieder lachen, versprochen.«

Müller schließt die Haustür. Vor einer Stunde hat seine Tochter erfahren, dass ihr Freund tot ist. In Gedanken versunken geht er in die Küche. Dort sitzt Ludmilla am Tisch. Sie rührt wie abwesend ihren Milchkaffee um.

»Willst du auch einen?«, fragt sie.

Müller nickt und setzt sich zu ihr. Seine Frau steht auf, gießt Kaffee in eine neben der Maschine stehende Tasse und stellt sie ihm hin. Ludmilla bleibt neben ihm stehen.

»Ich habe gehört, was er gesagt hat. Wollen wir hoffen, dass sie schnell über den Tod hinwegkommt. Wie lange waren die beiden eigentlich zusammen?«, fragt sie.

»Das war, glaube ich, kurz nach ihrem neunzehnten Geburtstag. Da kam sie nach Hause und erzählte nebenbei, dass sie jetzt einen Freund hätte. Dann verschwand sie in ihr Zimmer.« Müller fasst sich an seine Stirn und stützt den Kopf ab. »Und jetzt sowas. Womit hat sie das verdient? Womit haben wir das verdient?«, stöhnt er und starrt auf den Küchentisch.

 

Ludmilla legt ihrem Mann eine Hand auf die Schulter. »Ich war vorhin bei ihr oben. Aber sie hat mich gleich wieder rausgeschickt.«

»Du weißt doch, wie sie reagiert. In ihrem Zustand kannst du nun wirklich nichts anderes erwarten.«

Er gießt etwas Milch in den Kaffee, nimmt den Löffel seiner Frau und rührt um. »Ich wäre auch glücklicher, wenn sich das Verhältnis zwischen euch normalisieren würde. Aber sie hat den Tod ihrer Mutter eben noch nicht verwunden«, sagt er, ohne aufzublicken. »Ich glaube, in solchen Momenten denkt sie an Claudia.« Er hebt seine Tasse hoch und stellt sie gleich wieder hin. »Natürlich herrschte zwischen den beiden nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Nee, wirklich nicht. Aber sie war eben ihre Mutter.«

Ludmilla beugt sich nach vorne und gibt ihrem Mann einen Kuss auf die Wange. Dann setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl.

 

»Meinst du, dass das stimmt, was dir die Polizei erzählt hat?«

»Das ist eine Vermutung, das hat mir dieser Haver, Haverkuss, ich weiß nicht mehr, wie der heißt, am Telefon gesagt. Die sind noch nicht fertig mit ihren Untersuchungen. Aber er sagt, derzeit sieht alles nach Mord aus. Mord . . .« Müller macht eine Pause und kratzt sich am Kopf. »Was wollte er auf dem Dach? In was für Sachen war er verstrickt? Haben wir damit was zu tun?« Er holt tief Luft. »Als hätte ich nicht schon genug Probleme.«

Ludmilla spürt, dass sie ihren Mann aus dieser trüben Gedankenwelt herausholen muss. »Lass uns doch eine Runde um den Teich gehen, das . . .«

Er lässt sie den Satz nicht vollenden. »Nein, ich hab keine Zeit. Tanja schläft, das ist gut. Ich muss ins Büro, jedenfalls für ein paar Stunden. Da wartet genug Arbeit auf mich. Irgend jemand muss ja Tariks Job machen.«

»Meinst du nicht, dass das auch Jurek machen könnte? Er hat doch schon jede Menge Erfahrung auf allen Ebenen gesammelt.«

Klaus rollt die Augen, blickt zur Decke und holt tief Luft. »Ja, hat er, hat er. Er hat aber auch schon viel Bockmist gebaut. Darüber reden wir heute Abend.« Müller steht auf.

»Wo ist dein Sohn überhaupt?«

»In Bochum«, sagt Ludmilla. »Der Dicke ist doch gestolpert und hat sich den Fuß gebrochen. Hätte ihm der Arzt nicht strikte Bettruhe verordnet, der wäre trotzdem zur Arbeit gekommen. Der hätte auch mit Krücken Türdienst gemacht.« Sie muss bei dem Gedanken schmunzeln.

»Ja, ja, der Martin, der macht einen Abend locker alleine. Als Türsteher ist es schon echt von Vorteil, wenn man so breit ist wie der. An dem kommt keiner vorbei«, sagt Klaus und steht auf. »Ich fahre jetzt los. Ich werde mich beeilen und nur das Notwendigste erledigen. Übrigens, wenn Tanja wach ist, erwähn bloß nicht Berlin oder den Wettbewerb. Das ist zumindest heute kein Thema. Nicht, dass sie sich schon festlegt. Wenn sie selbst damit anfängt, okay. Aber sag nichts, hör dir nur an, was sie erzählt. Nur keinen Druck machen.«

»Aber sie muss doch teilnehmen . . .«

»Ludmilla, das musst du mir nicht erzählen. Klar muss sie teilnehmen. Wenn sie nicht will, dann kann ich gleich Konkurs anmelden.«

Er lacht verächtlich. »Dann war’s das mit dem schönen Leben. Dann gehst du putzen. Und ich suche mir eine Stelle bei einem Wachdienst.«

 

Auf dem Weg zur Garderobe sieht Müller den Schatten einer Frau vor der gläsernen Eingangstür.

»Ach, du bist es. Komm rein«, sagt er und geht mit Tanjas Freundin Denise ins Wohnzimmer. Sie setzen sich auf die Couch. Auch wenn er eigentlich ins Büro müsste, die Zeit für ein kurzes Gespräch nimmt er sich. Die beiden Frauen kennen sich schon aus dem Kindergarten.

»Sie hat mich vorhin angerufen. Tarik sei ums Leben gekommen. Mehr habe ich aus ihr nicht herausbekommen. Sie hat geheult und dann aufgelegt. Er ist tot? Stimmt das?«

»Ja, er ist heute Morgen am Jahnplatz gefunden worden, tot. Er ist von einem Hausdach . . . gefallen.«

»Gefallen?«

»Die Polizei weiß noch nicht genau, was da passiert ist. Aber es sieht nicht nach Selbstmord aus. Da hat vermutlich jemand nachgeholfen.«

»Wie? Mord? Jemand hat ihn heruntergeworfen? Das ist ja schlimm.«

Müller nickt.

»Wie geht es Tanja?«

»Sie schläft. Der Arzt hat ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Heute Nachmittag müsste sie wieder ansprechbar sein.«

»Wird sie in Berlin teilnehmen?«

Müller hebt wie hilflos die Hände hoch. »Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es natürlich. Sie muss ja nicht viel machen, ein paar Fragen beantworten, lächeln, ein bisschen hin und her laufen.«

»Das kann, wenn man mit seinen Gedanken woanders ist, sehr schwer sein«, sagt Denise nachdenklich und macht eine längere Pause. Dann steht sie auf. »Ich werde mich heute Nachmittag bei ihr melden.«

»Mach das. Soll ich Dich mit in die Stadt nehmen? Ich war gerade auf dem Weg ins Büro.«

 

 

  • 4

 

»Na, Chef, wie war’s?«

»So schnell mache ich keine Obduktion wieder mit«, sagt Haverbeck und lässt sich auf seinen Stuhl fallen.

»So schlimm?«

»Was heißt schlimm? Ich sehe so etwas nicht täglich. Die Gentschenfeld kann sogar nebenbei etwas essen. Das sind die unappetitlichen Folgen von Routine. Vielleicht hätte ich das alles besser ertragen, wenn ich nicht so müde wäre. Die Nacht war eindeutig zu kurz.«

»Und die Ergebnisse?«

»Die tödlichen Verletzungen stammen vom Sturz. So viel konnte sie schon sagen. Schädelbruch, mehrere Organe gerissen, Lunge kaputt. Davor war er kerngesund.«

»Zumindest hat er nicht gelitten.«

»Die Frage ist, was er überhaupt mitbekommen hat. Sie ist auf einen Blutalkoholwert von einskommafünf Promille gekommen. Vermutlich hat er mit jemandem getrunken. Vielleicht sogar mit seinem Mörder. Danach sind die aufs Dach.«

»Aber was wollten die da?«

Haverbeck macht ein hilfloses Gesicht. »Sich Bielefeld von oben ansehen, wer weiß.«

 

Landmann, der die ganze Zeit vor Haverbecks Schreibtisch gestanden hat, will wieder zu seinem Platz gehen. Aber auf halbem Weg bleibt er stehen und dreht sich mit einem »Ich habe etwas Wichtiges vergessen« um.

»Haben Sie schon gehört, wer Ihr neuer Vorgesetzter wird? Wobei, sprachlich ist das ein bisschen ungenau . . . also ich meine unser, also unsere neue . . .«

»Herr Landmann, können Sie nochmal von vorne anfangen?«

»Was ich sagen will ist, eine Frau Krawatsch oder Krawalsch oder so ist unsere neue Vorgesetzte. Auf jeden Fall heißt sie Mona mit Vornamen. Sie hat erst vor ein paar Tagen die Ernennungsurkunde zur Kriminalrätin erhalten.«

»Nicht doch. Wirklich?«

Haverbeck lässt den Oberkörper gegen die Rückenlehne fallen; ein tiefer Seufzer folgt.

»Ein Frischling. Die wird den ganzen Tag hier herumhängen und uns Löcher in den Bauch fragen. Das sind wirklich zwei Tiefschläge auf einmal. Erst der Mord und dann eine neue Vorgesetzte ohne Berufserfahrung«, sagt er und presst die Lippen zusammen.

»Übrigens, sie soll gut aussehen, aber noch Single sein.«

Haverbeck blickt seinen Assistenten erstaunt an, der mittlerweile vor seinem Schreibtisch steht. »Warum erzählen Sie mir das? Also mit meiner Ehe ist alles in Ordnung.« Und nach einer kurzen Gedankenpause meint er: »Wieso haben Sie aber gesagt? Täuschen Sie sich nicht, es sind oft die gut aussehenden Frauen, die vergeblich suchen.«

»Vielleicht hat sie irgendein Geheimnis, das sie nicht gleich preisgibt. Und wenn sie es macht, dann laufen die Männer wieder weg.«

»Ja, sowas gibt es.«

 

Haverbeck hat den Satz noch nicht beendet, da geht die Tür auf und die Frau mit dem Geheimnis steht im Büro.

»Guten Tag, mein Name ist Mona Krawalsch. Ich bin ihre neue Vorgesetzte.«

So sieht sie also aus. Haverbeck geht auf sie zu, reicht ihr die Hand und erwartet einen wohlig-zarten Griff. Doch die neue Chefin drückt seine Hand wie einen Schwamm zusammen. Zumindest versucht sie es. Von Männern, die sich über Kraft und Stärke definieren, erwartet er so etwas, aber nicht von Frauen, auch wenn sie Vorgesetzte sind. Vielleicht betreibt sie irgendeinen asiatischen Kampfsport, geht es Haverbeck durch den Kopf. Er bietet ihr seinen Besucherstuhl an.

»Danke, ich bleibe stehen«, sagt sie sehr bestimmt.

Haverbeck findet, dass zumindest ihr grauer Hosenanzug und die kurzen, rostbraunen Haare gut zu ihrem männlichen Auftritt passen. Aber da ist auch dieses weiche, sehr feminine Gesicht mit verführerischen, rehbraunen Augen. Und dann diese vollen, sinnlichen Lippen. Haverbeck ist irritiert. Wie passt das alles zusammen?

»Ich sitze heute noch genug herum.«

Hoffentlich nicht bei uns, denkt sich Haverbeck, der sich über die tiefe Verbeugung seines Assistenten wundert, als er ihr die Hand gibt und sich vorstellt.

 

»Sie haben einen Todesfall auf den Tisch bekommen, habe ich gehört?« Haverbeck ist gerade dabei, einen Satz zu suchen, der mehr als nur ein Ja ist, da geht ihr schon das nächste Thema durch den Kopf.

Sie sieht sich im Büro um. »Ich sehe gar keinen Flipchart oder ein Whiteboard? Wie können sie denn ohne solche Hilfsmittel arbeiten?« Sie macht eine Pause, aber eine Antwort scheint sie nicht zu erwarten, denn die gibt sie selbst. »Also, da werde ich ihnen etwas besorgen.«

Sie sieht Haverbeck an. Der schafft es sogar, einen Satz zu beginnen. »Wenn das unsere Arbeit besser macht, dann . . .«

»Sie werden sehen, das wird bei ihnen einen echten Kreativitätssprung auslösen. Sie können Wissen und Ideen großflächig skizzieren, Pfeile malen und Verbindungen ziehen. Sie haben dann ein viel plastischeres Bild vor Augen. Sie werden erstaunt sein, wie sich das positiv auf die Fallbearbeitung auswirkt.«

 

Daran leidet sie also. Sie fällt anderen gerne ins Wort. Und diese besserwisserischen Sprüche, die kennt er noch von ihrem Vorgänger. Wie hieß der nochmal, dieser Typ vom Landeskriminalamt? Doch zum Nachdenken kommt Haverbeck nicht.

»Dann erzählen Sie mir mal, was Sie bisher über den Fall wissen.«

»Das kann ich, sogar ganz ohne Flipchart«, sagt Haverbeck und legt vorsichtshalber ein Schmunzeln auf sein Gesicht. Aber entweder ist das zu schwach oder seine Chefin deutet das nicht so, wie er sich das vorstellt.

»Sie müssen diesen Vorschlag nicht ins Lächerliche ziehen«, sagt sie laut und streckt ihren Oberkörper nach vorne. Erst jetzt fällt Haverbeck ihre imposante Oberweite auf.

»Das habe ich doch gar nicht«, entgegnet er und versucht, seiner Stimme einen demütigen Klang zu geben, was sie aber nicht besänftigt. An ihrer Stimmlage ändert sich nämlich nichts.

»Doch, das haben Sie. Dass Sie ein paar Sätze zu diesem Fall ohne Flipchart erzählen können, das unterstelle ich.«

»Ich wollte mit dieser Bemerkung etwas Humor in die Runde bringen, damit . . .«

Wieder fällt sie ihm ins Wort. »Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig zu bespaßen, Herr Haverbeck.«

 

Wie soll er denn mit einer solchen Frau umgehen? Eins steht fest, für ihn gehört sie ab heute in die Kategorie Drachen. Auch Flammenwerfer würde ganz gut zu ihr passen. Aber andererseits will er die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie mit der Zeit noch ein wenig lockerer wird, sonst könnte die Zusammenarbeit mit ihr zur Qual werden.

»Also, Herr Haverbeck, könnten Sie mich über den Stand der Ermittlungen in Kenntnis setzen?«

»Was ich jetzt erzähle, sind die ersten Eindrücke vom Tatort und von der Obduktion. Die schriftlichen Berichte der Medizinerin und der Spurensicherung liegen noch nicht vor. Es ist kein Selbstmord und auch ein Unfall scheint es nicht gewesen zu sein. Alle Verletzungen sind durch den Aufprall auf dem Gehweg entstanden. Herr Berisha hatte viel Alkohol im Blut. Die Spuren auf dem Dach legen die Vermutung nahe, dass er sich kurz vor der Dachkante noch gewehrt hat.«

»Mord also. Sie halten mich auf dem Laufenden. Ich kümmere mich um einen Flipchart oder ein Whiteboard. Mal sehen, was ich auftreiben kann«, sagt sie und geht zur Tür. Als sie schon die Klinke in der Hand hat, dreht sie sich um.

»Noch ein Punkt. Die nächsten Wochen werde ich an den Freitagen nicht im Büro sein. Ich bin dann in Düsseldorf und kümmere mich um den Haushalt meiner Mutter. Sie hat vor kurzem einen Schlaganfall erlitten. Ich sage ihnen das nur, damit im Haus keine Gerüchte aufkommen.«

 

Haverbeck geht bedächtigen Schrittes zum Fenster, nachdem sie das Büro verlassen hat. Von dort kann er wahlweise entweder den Wolken auf ihrem Weg über den Teutoburger Wald zusehen oder den Blick auf die Dächer und Straßen von Bielefeld genießen. Er entscheidet sich für die Wolken und denkt gleichzeitig an den Auftritt seiner Chefin. Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig zu bespaßen. Und dann ist sie nur an vier Tagen in der Woche erreichbar. Aber soll er das bedauern? Er kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Natürlich nicht. Soll sie doch die restlichen Tage auch in Düsseldorf bleiben. Ihre Mutter wird sich sicherlich freuen. Und was meinte sie zum Schluss? . . . damit im Haus keine Gerüchte aufkommen. Was könnten denn für Gerüchte aufkommen? Da hat er nicht schnell genug geschaltet, ärgert er sich. Er hätte sie fragen sollen, an was sie da denke.

Haverbeck stützt sich mit den Händen auf dem Fensterbrett ab. Zweimal hört er seine Wirbel knacken und spürt mal wieder seine Rückenmuskulatur. Kein gutes Zeichen. Er lässt den Blick über die Dächer unter ihm schweifen und muss an das Hochhausdach mit dem Toten denken. Was hat er da oben gewollt? Irgendwann steht Landmann neben ihm.

»Na, Sie plagt die Langeweile?«, fragt er seinen jungen Kollegen. »Man sieht es Ihnen an.«

Landmann lächelt. »Sieht man das?«

Haverbeck klopft ihm freundschaftlich auf den Rücken. »Genießen Sie die Ruhe, es wird noch genug Arbeit für uns geben.« Dann stockt er. »Ich habe jetzt schon etwas für Sie. Bringen Sie in Erfahrung, wer einen Schlüssel für diese Tür zum Treppenaufgang hat. Vielleicht hat der Täter nur vergessen, sie wieder abzuschließen.«

 

Ende der Leseprobe

Tod einer Beauty-Queen: Jetzt vorbestellen

Nur noch wenige Tage, dann darf Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck aus Bielefeld wieder einen Fall lösen. Und diesmal ist er wirklich kniffelig.

Tod einer Beauty-Queen
Ein neuer Fall für Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck aus Bielefeld: Tod einer Beauty-Queen

Worum geht’s? Deutschlands größter Diskotheken-Betreiber, Klaus Müller, hat zwei Probleme: Die Besucher bleiben weg und er steht vor einem gewaltigen Schuldenberg. Ein deutschlandweiter Beautywettbewerb soll beide Probleme lösen.
Doch kurz vor dem Finale in Berlin stirbt unter mysteriösen Umständen einer seiner Angestellten. Er fällt vom Dach eines Bielefelder Geschäftshauses. Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck tippt auf Mord. Es wird nicht der einzige bleiben. Beim Beautywettbewerb selbst geht auch nicht alles mit rechten Dingen zu. Und ist es wirklich so eine gute Idee, dass Disko-Müller seine Tochter ins Rennen schickt? Neben den Morden muss sich Haverbeck auch um seine neue Vorgesetzte kümmern, die allem Anschein nach in ihrer Freizeit einer ganz besonderen Beschäftigung nachgeht.
Schon jetzt kann der Krimi bei Amazon für 99 Cent vorbestellt werden.

Eine Print-Ausgabe ist auch in Vorbereitung. (Für alle, die das Buch lieber gedruckt in der Hand halten wollen.)

Was sagen Leser zu den Krimis?

*** Großartiges Ermittlerteam
*** Mordermittlungen werden hier locker-flockig und nicht gruselig beschrieben
*** empfehle ich ihn allen Fans dieser Sparte sehr gerne weite
*** Super Krimis
*** Sehr unterhaltsamer Krimi
*** Gut gezeichnete Hauptprotagonisten
*** Ich mag diesen lockeren, leichten Schreibstil
*** Ist klasse geschrieben und nicht vorhersehbar

„Tod einer Wahrsagerin“. Das Bielefelder Sparrenburgfest als Schauplatz eines Mordes

Die Bielefelder Sparrenburg. Foto: Achim Zygar
Die Sparrenburg, Bielefelds einzige Touristenattraktion. Foto: Achim Zygar
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Uneinnehmbar: Die Sparrenburg wurde zum Schutz der 1214 gegründeten Stadt Bielefeld erbaut. Foto: Achim Zygar

Die Sparrenburg ist das Wahrzeichen der Stadt Bielefeld. Sie ist in dem Kriminalroman Tod einer Wahrsagerin der Schauplatz eines grausamen Verbrechens: Während eines Mittelalterfests („Sparrenburgfest“) wird die Wahrsagerin Anastasia Patopulos erschlagen.

 

 

Sparrenburgfest: Auch Ritter müssen mal Pause machen.
Als Krieg noch Männersache war: Ritterkleidung während einer Kampfpause. Foto: Achim Zygar
Auch im Mittelalter wurde gut gegessen.
Auch im Mittelalter wurde gut gegessen. Foto: Achim Zygar
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Arbeitsteilung im Mittelalter: Während die Männer in Ritterrüstungen herumliefen und sich gegenseitig die Köpfe einschlugen, kümmerten sich die Frauen um den Haushalt und kochten für die Heimkehrer ein gar deftiges Mahl. Foto: Achim Zygar
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Zwar rollten im Mittelalter schon wegen kleiner Vergehen oft die Köpfe, Resozialisierung war trotzdem ein Thema. Viele bekamen eine zweite Chance. Gelegentlich musste man es dafür aber für einige Stunden oder Tage in unbequemer Lage aushalten. Foto: Achim Zygar

 

Ankündigung des Sparrenburgfests Bielefeld
Ankündigung des Sparrenburgfests Bielefeld. Foto: Achim Zygar
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Im Mittelalter hatte ein Schmied gut zu tun. Foto: Achim Zygar
Der Orient mit seinen Düften, Getränken und Tänzen darf auf dem Sparrenburgfest nicht fehlen. Foto: Achim Zygar
Der Orient mit seinen Düften, Getränken und Tänzen darf auf dem Sparrenburgfest nicht fehlen. Ganz in der Nähe wurde die Wahrsagerin Anastasia Patopulos erschlagen. Mehr zu diesem dramatischen Ereignis lesen Sie in dem Krimi „Tod einer Wahrsagerin“. Foto: Achim Zygar

Neu: Tod einer Wahrsagerin. Haverbeck ermittelt und blickt in die Zukunft

Eigentlich freut sich Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck schon auf sein freies Wochenende. Endlich mal wieder Zeit für Frau Carola und das kleine Töchterchen. Doch dann wird die schöne Wahrsagerin Anastasia Patopulos tot aufgefunden, erschlagen in ihrem Zelt während des Sparrenburgfests in Bielefeld.

Gleich am Anfang seiner Ermittlungen stößt Haverbeck auf den zwielichtigen Lebenswandel der 30jährigen. Denn sie wusste nicht nur, wie man mit Karten in die Zukunft blickt, sondern auch, wie man reiche Männer dazu bringt, ihr regelmäßig ansehnliche Geldbeträge zu überweisen. Die Suche nach dem Täter gestaltet sich schwierig. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Haverbecks neuer Chef alles besser weiß und ihm das Leben schwer macht.

Hier können Sie das Buch kaufen.

Siegfried Haverbeck – Versuch eines Psychogramms

Durch mittlerweile  fünf Bände zieht sich seine Spur, er fängt Mörder und ist der Schrecken seiner Vorgesetzten. Aber wer ist Siegfried Haverbeck eigentlich?

Von Beruf ist er Kriminalpolizist. Anfangs mit wenig Leidenschaft, was er aber bisher keinem erzählt hat. Die ist erst mit den Jahren dazugekommen. Irgendwann hatte er mal den Spruch gehört: Wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand. Den Spruch brauchte Haverbeck nur ein wenig abwandeln und an seine Situation anpassen: Er ersetzte den Verstand durch die Leidenschaft. Denn die ist mit den Aufgaben gewachsen. Und mit den Beförderungen. Immerhin ist er jetzt Kriminalhauptkommissar. Mehr ist für ihn ohnehin nicht drin. (Da hätte er in der Schule mehr hinter Büchern sitzen, als hinter Mädchen her sein müssen).

Trotz der Leidenschaft für seine Arbeit (andere würden von Spaß sprechen, was er aber im Zusammenhang mit Tötungsdelikten für unpassend hält) sieht er seinen Beruf nüchtern. Emotionale Ausbrüche, Herumgeschreie und Gewaltexzesse – nicht mit ihm. Deshalb schüttelt er immer nur fassungslos den Kopf, wenn er die Kollegen aus den Krimiserien im Fernsehen agieren sieht. Das fing schon mit Schimanski an. Wie der sich benommen hat, nein, das ging nun gar nicht. Hätte Haverbeck etwas zu sagen gehabt, er hätte ihn in die Asservatenkammer verbannt.

Er sei ein richtiger Preuße, meinte einmal ein Kollege. Haverbeck musste erst eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Morgen war ihm klar: Der Kollege hatte ihn richtig beschrieben. Nur mit Ruhe, Gelassenheit und Distanz zum Geschehen kann man einen Mord aufklären. Warum sich aufregen und Emotionen zeigen? Die Toten werden dadurch nicht wieder lebendig und mehr Gehalt gibt es auch nicht. Den Hinterbliebenen hilft er damit ebenfalls nicht. Die wollen nicht noch einen psychisch aufgelösten Polizisten im Wohnzimmer stehen haben, sondern einen, der zack, zack den Mörder findet.

Dass er Schwächen hat, niemand weiß das besser als er. Haverbeck denkt an eine ganz besondere, obwohl sich diese Schwäche mit der Heirat seiner Kollegin (Carola, Kriminaloberkommissarin) verflüchtig hat. Ob es nun an seiner Größe mit 1,91 oder an seinen markanten Gesichtszügen liegt, oder an beidem – er weiß, dass er auf Frauen eine gewisse Ausstrahlung hat (besonders mit Drei-Tage-Bart). Das ist natürlich an sich keine Schwäche, kann aber zu einer werden, wenn man in gewissen Situationen schwach wird.

Das letzte Ereignis dieser Art ist noch gar nicht so lange her. Da wollte doch eine wirklich attraktive Frau, so um die 30, ihn gar nicht mehr aus ihrer Wohnung lassen. Sie wurde sogar handgreiflich. Ihr Mann war einige Monate vorher gestorben und sie hatte noch keinen Ersatz gefunden. Aber in solchen Fällen denkt Haverbeck immer an den Preußen in sich. Dann kommt er problemlos auch aus solchen Gefahrenlagen wieder heraus.

Der neue Haverbeck: Tod eines Musikers. Haverbeck ermittelt und lernt eine merkwürdige Welt kennen | Hauptkommissar Haverbeck ermittelt

Tod eines MusikersAm Ufer des Bielefelder Obersees wird ein Toter entdeckt. Die Spur führt Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck in die Sphäre der Bielefelder Hochkultur, denn der Tote ist Mitglied im Bielefelder Theaterorchester. Dort geht es ganz und gar nicht zivilisiert zu. An der Spitze steht ein Choleriker, der die Musiker schikaniert und seine Ehe mit Liebhaberinnen garniert. Auch andere Orchestermitglieder entsprechen ganz und gar nicht dem Bild, das man sich von einem Kulturorchester macht. Ein weiterer Toter bringt die Stadt in Aufruhr. Und es geht die Angst um, dass das erst der Anfang einer Mordserie sein könnte.

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XXL-Leseprobe aus Tod eines Musikers

1. Erzürne nie einen Dirigenten

Tod eines Musikers»Fortissimo, meine Herren, fortissimo, nur nicht so zaghaft. . . . Und meine Damen, das gilt erst recht für sie. Holen sie aus Ihren Instrumenten alles heraus. . . . Ja . . . gut. . . . Auch die Bässe . . . ja, ja. Gehen sie mit ihren Bögen richtig kraftvoll in die Saiten. Keine falsche Bescheidenheit. Wir spielen hier eine der wichtigsten Sinfonien der Welt. Nicht nur ihre Instrumente, auch der Saal muss vibrieren. Jeder Zuhörer muss die Töne in seinem Körper spüren.«

Vladimir Vladors Taktstock geht mit weit ausholenden Schwüngen durch die heizungswarme Luft der Bielefelder Konzerthalle. Mit dem Takt des Dirigierstabes schwingt der massige Körper des Generalmusikdirektors von einer Seite zur anderen. Wenn er nur dirigiert und dem Orchester keine Anweisungen gibt, dann arbeiten seine Lippen ihr eigenes künstlerisches Programm ab. Entweder sind sie zugespitzt, als wolle er pfeifen. Dann schließt er gelegentlich auch seine Augen und wäre dabei schon mehrmals fast vom Podest gefallen. Manchmal ist sogar ein leiser Grunzton zu hören. Oder er presst seine sinnlichen Lippen zusammen und zieht sie weit auseinander. Dann sieht er aus wie eine etwas unbeholfen hin und her wackelnde Ente. Vladimir Vlador, von den Musikern hinter vorgehaltener Hand auch »der Russe« genannt, ist dann ganz in seinem Element.

In wenigen Tagen, Ende November, wenn Beethovens fünfte Sinfonie aufgeführt wird, steht er seit fünf Jahren an der Spitze des Bielefelder Orchesters. Es soll ein großer Tag für ihn werden.

»Nein, Fini, Stopp, so nicht.« Seine kräftige, sonore Stimme klingt nicht mehr freundlich. Aus der unbeholfenen Ente ist urplötzlich ein mächtiger russischer Bär geworden, dem man sich lieber nicht in den Weg stellt.

»Ab Takt 98 nochmal, alle zusammen.« Der Befehlston lässt die Geiger an den Pulten in der Nähe des Dirigenten zusammenzucken. »Bitte lesen sie die Noten genau. Insbesondere den Streichern lege ich das nahe. In Takt 118, das ist eine viertel Note, keine achtel oder irgendwas anderes. Wenn das da so steht, dann soll das auch so gespielt werden. Sonst können wir uns das Notenlesen auch sparen. Herr Beethoven wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Das kann doch nicht so schwer sein.«

Hans Berlach, der erste Geiger, schließt kurz die Augen, atmet einmal tief durch und sieht dann Georg Brandt an. Das Signal an seinen Pultnachbarn ist eindeutig – der Russe nervt mal wieder. Doch lautstarken Protest gibt es nicht. An die eigentlich unverschämten Kommentare haben sich die Musiker mittlerweile gewöhnt, zumindest protestiert keiner öffentlich.

Georg Brandt lässt den Redeschwall ohne äußere Regung über sich hinwegschwappen. Fraglich ist, ob er überhaupt mitbekommt, was sein Chef sagt. Denn wenn Brandt pausiert und seine Geige absetzt, ist er mit seinen Gedanken oft in einer anderen Welt. In der geht es zwar auch um Geigen. Doch die sind zu einer Handelsware geworden, denn Brandt stockt sein Gehalt mit dem Verkauf von Streichinstrumenten ordentlich auf.

Sein derzeitiges Problem: Mit welchen unschlagbaren Argumenten kann er einem potentiellen Käufer eine schon etwas ramponierte italienische Geige von Pietro Giovanni Guarneri aus dem Jahr 1715 anbieten, die er vor einem halben Jahr einer Musiker-Witwe für ein Taschengeld abgeschwatzt hat? (Was wollen Sie denn damit? Vom Herumliegen wird das Instrument auch nicht besser, der Klang leidet.) Seit gut drei Wochen hat er den Interessenten an der Angel. Nur der Kerl ziert sich. Zugegeben, 150.000 Euro ist viel Geld. . . . Was hat der Russe gesagt?

Kaum hat das Orchester einige Takte gespielt (Brandt hat doch glatt den Einsatz verpasst), winkt Vlador energisch mit der linken Hand ab. »Halt, halt.« Er presst seine Lippen zusammen und die Hand wird kurzzeitig zur Faust. Er senkt den Kopf und atmet hörbar durch die Nase ein und aus. Er streicht sich langsam über die Stirn, so als würde er einige Schweißtropfen wegwischen, die dort aber nicht sind. Die Erfahrung der Musiker besagt: Bei dieser Lippen-Faust-Schweißtropfen-Konstellation ist Vorsicht angebracht. Sie signalisiert die Ruhe vor dem Sturm. Das Orchester verstummt langsam. Zuerst nehmen die Streicher ihre Bögen von den Saiten. Die Blechbläser setzen als letzte ihre Instrumente ab. Sie lassen sich immer ein paar Sekunden länger Zeit. Fast scheint es so, als hätten die Frauen und Männer mit ihren Trompeten und Posaunen, die erhöht auf einem Podest sitzen, sich zu dieser kleinen Dauerrebellion verabredet.

»Nein, nein, nein und nochmals nein.« Bei jedem Nein hämmert Vlador seinen Taktstock auf das Notenpult, worunter die Partitur leidet, die dort liegt. Denn die Stockspitze bohrt mit jedem Schlag ein kleines Loch in das vom vielen Herumblättern ohnehin schon stark beanspruchte Notenpapier. Hätte er nach dem dritten Schlag mit seinem Wutausbruch mal lieber Schluss gemacht. Denn den vierten überlebt der Taktstock nicht. Er bricht durch. Das obere Teil fliegt dem Cellisten rechts neben ihm gegen sein teures Instrument. Den unteren Teil wirft Vlador wie ein leeres Wodkaglas über seine rechte Schulter in Richtung der leeren Besuchersitze. Was den Eindruck verstärkt, den einige Musiker schon seit geraumer Zeit hegen: Die Nummer mit dem Taktstock ist Show, fast schon ein Ritual, das mindestens einmal im viertel Jahr dran ist. Doch diesmal ist es nicht ohne Folgen geblieben.

»Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie gerade mein Instrument beschädigt haben.« Der sonst so stille Ferdinand Lopez deutet mit einem zittrigen Zeigefinger auf die geplatzte Lackstelle, die das spitze Holzstöckchen auf seinem Cello hinterlassen hat. Der Russe blickt ihn an, als wolle er sich mit einer solchen Lappalie zumindest jetzt nicht beschäftigen. Doch weil 67 Augenpaare die Beschwerde des Cellisten mitbekommen haben, steigt er mit väterlichem Lächeln, wenn auch widerwillig, von seinem Thron, geht zu dem Taktstock-Opfer, beugt sich nach vorne und inspiziert die besagte Stelle. Er fährt mit seinem dicken Daumen darüber und blickt den immer noch aufgebrachten Cellisten an, als wolle er sagen, dass es doch gar nicht so schlimm sei. Dann flüstert er ihm etwas zu. Doch er spricht immer noch so laut, dass die Kollegen in der Nähe zwar nicht alles verstehen, aber zumindest den Satz: »Da werden wir uns schon handelseinig. Kommen Sie nach der Probe in mein Büro.«

Auf dem Dirigentenpodium wieder angekommen, geht Vlador mit erstaunlich ruhig vorgetragenen Erläuterungen auf die Takte ein, die ihn so in Rage gebracht haben. Aber er lässt die Stelle nicht mehr spielen. Er blättert einige Seiten weiter in seiner Partitur.

»Ab Takt 228, dort, wo das Fortissimo beginnt. Aber übertreiben Sie es nicht mit der Lautstärke.« Er lächelt milde. Man könnte meinen, die Folgen seines Wutausbruchs hätten ihn zumindest für heute zu einem sozialverträglicheren, wenn nicht gar besseren Menschen gemacht. Mit einem neuen Taktstock, den er aus einer neben seinem Notenpult stehenden Aktentasche gezogen hat, gibt Vlador das Tempo vor. Seine Augen sind geschlossen und sein Körper schwingt im Rhythmus der Musik hin und her. Plötzlich reißt er sie auf und sein Stöckchen kommt wieder zu einem nicht bestimmungsgemäßen Einsatz. Er klopft damit, wenn auch behutsam, ein paar Mal an sein Pult.

»Meine Damen und Herren, ich weiß nicht woran es liegt, ob am stürmischen Wetter oder woran auch immer. Nur hier spielt jemand«, und seine Stimme wird lauter, »ziemlich unsauber. Das werden wir ändern. Bitte ab Takt 248 die zweiten Geigen alleine.«

Zehn Männer zwischen Mitte Zwanzig und kurz vor dem Ruhestand nehmen ihre Instrumente und spielen wie ihnen befohlen. Sie wissen, dass in diesem Moment ein unwürdiges Spiel begonnen hat. Nach ein paar Takten winkt der Russe ab.

»Das vierte Pult alleine.« Sein kaltes Lächeln signalisiert, dass er längst weiß, wie das Vorspiel enden wird. An diesem Pult sitzen Berti Karl und Mario Runde.

Karl geht in vier Monaten in Rente. Er freut sich auf den Ruhestand, denn er hasst mittlerweile seinen Beruf. Den Satz »40 Jahre sind genug«, baut er seit Monaten in jedes Gespräch mit Kollegen ein. Dazu passend hat er sich wie zu seiner Bundeswehrzeit ein Maßband gekauft, von dem er jeden Tag einen Zentimeter abschneidet. Es hängt in seinem Spind (ohne Pin-up-girl) im Probenraum. Gelegentlich gibt Karl sogar noch eine verschärfte Variante von »40 Jahre sind genug« zum Besten: Nie, nie wieder werde er eine Geige in die Hand nehmen, geschweige denn auf einer spielen. Von seinem Plan, seine zwei Instrumente als Höhepunkt einer Abschiedsfeier in ein Feuer zu werfen, hat er aber wieder Abstand genommen. Sein Rentenberater hat ihm davon abgeraten (und ganz ernst hat er es ohnehin nie gemeint). Weshalb er überlegt, seine Instrumente den nebenberuflichen Geigenhändlern unter seinen Kollegen zum Kauf anzubieten. Georg Brandt ist längst nicht der einzige, der sich so ein nettes Zubrot verdient.

Der zweite am Pult, Mario Runde, ist mit seinen 25 Jahren der jüngste im Orchester. Nicht, dass sein Geigenspiel schlecht wäre. Aber man munkelt, dass bei seiner Einstellung persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt haben sollen. Er gehört zu den Musikern, die ein zweites Instrument professionell beherrschen, was immer gerne gesehen wird. Wenn die Schlagzeuger zusätzlichen Bedarf haben, weil ein Komponist meint, es müsse ordentlich Krach gemacht werden, greift man ohne Zusatzkosten auf ihn zurück. Rhythmusgefühl zumindest hat er.

Vlador gibt den Einsatz. Er steht auf seinem Podest. Die Augen hat er geschlossen, der Kopf ist nach unten geneigt. Seinen linken Arm hat er auf seine Gürtelschnalle gelegt, so als habe er Bauchschmerzen oder werde sie gleich bekommen. Fast schon gelangweilt gibt er minimalistisch aus dem Handgelenk heraus mit dem Dirigierstab den Takt vor. Es ist nicht zu überhören, irgendeiner der beiden Violinisten spielt das F auf der D-Seite immer einen Tick zu hoch. Den Bruchteil eines Millimeters setzt jemand den zweiten Finger zu hoch auf das Griffbrett, was sich bei zehn Streichern eigentlich nicht störend bemerkbar macht. Aber der Russe hört es. Weder wird er, wie viele Orchestermitglieder, von einem Tinnitus geplagt, noch hat er überhaupt irgendwelche Hörprobleme, trotz seiner 52 Lebensjahre und der Tatsache, dass er seit einigen Jahren an Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck leidet. Nach zehn Takten nimmt er seinen Arm vom Bauch und winkt ab. »Herr Karl, spielen Sie bitte einmal die Stelle.«

Vlador geht wieder in seine Bauchschmerzposition und gibt ruhig den Takt vor. Berti Karl trifft das F auf Anhieb sauber, ohne nachjustieren zu müssen. Vlador nickt zufrieden den Kopf. »Spasiba«, sagt er nach einigen Takten. Er liebt es, gelegentlich auf seine sprachlichen Wurzeln hinzuweisen.

Vladimir Vlador senkt langsam seinen Taktstock. Für mehrere Sekunden hält er seinen Kopf nach unten geneigt, so als würde er meditieren. Dann holt er tief Luft und sieht Mario Runde mit bohrendem Blick an. Über dem Orchester liegt eine gespenstische Ruhe. Runde hat schon beim Vorspiel seines Pultnachbarn einen roten Kopf bekommen. Aber jetzt, wo ihn der Russe mit seinem Blick förmlich aufspießt und ihn für das gesamte Orchester gut sichtbar quasi in die Höhe hebt, glüht er. Er zappelt und wehrt sich. Aber sein Chef lässt ihn nicht los. Hier ist er, der Übeltäter. Seht ihn euch an. So ergeht es jedem, der meine Ohren beleidigt.

Auch ohne Vorspiel vor dem gesamten Orchester – mehr Demütigung geht nicht. Oder besser: fast nicht. Diese letztmögliche Karte beim Musikerquälen wollte Vlador in diesem Fall dann doch nicht ausspielen. Das hat er bisher erst einmal gemacht. Die Konsequenzen waren fatal.

Gottlieb Kleiner, einer am letzten Pult der zweiten Geigen, der bekanntermaßen nichts vom Üben hielt, musste eine wirklich fummelige Stelle aus irgendeiner Symphonie von Brahms alleine vorspielen. Das akustische Ergebnis war desaströs. Zwei Tage später brachte er den Fahrplan der Bundesbahn durcheinander und einen Lokführer in die Psychiatrie. Bei seiner Beerdigung waren fast alle Kollegen anwesend. Der Russe konnte nicht kommen. Seine Geliebte aus dem Ballett-Ensemble war ihm einen Tag zuvor weggelaufen. Als die Glocken der Friedhofskapelle läuteten, lag er im Bett, spülte seinen Liebeskummer mit Wodka herunter und ließ sich von seiner Frau pflegen.

 

2. Das Liebesleben der Musiker

 

Mittlerweile ist das außereheliche Liebesleben des Dirigenten aber wieder im Lot. Eine Freundin der untreu gewordenen Tänzerin, ebenfalls Mitglied des Tanzensembles, hat die hinterlassene Lücke aufgefüllt. Sibylle Bergdorf lag zuvor in den Armen und im Bett eines anderen Musikers. Der heißt Boris Ziborski, ist ebenfalls verheiratet und verdient im Orchester als erster Bassist sein Geld.

Bis heute hat er die abrupte Trennung nicht verschmerzt. Wann immer Ziborski seinen Chef sieht (und er sieht ihn fast täglich), steigt Wut in ihm auf. Obwohl er, von diesem hormonell bedingten Ereignis einmal abgesehen, ihm eigentlich dankbar sein müsste. Denn Vlador war es, der sich für eine Aufnahme seines Studienkollegen im Orchester stark gemacht hat. Und hätte der junge Boris zu Sowjetzeiten nicht in Vladors Vater einen energischen Fürsprecher gefunden, wäre er wegen einer studentischen Flugblatt-Aktion mit ziemlicher Sicherheit für Jahre in ein sibirisches Straflager gekommen.

Doch von Dankbarkeit keine Spur. Mehr noch: Seit Sibylle Bergdorf das Bett gewechselt hat und in den Augen ihrer Freundinnen einen sozialen Aufstieg vollzogen hat (wenngleich auch nur als Geliebte des Dirigenten, aber das muss ja nicht immer so bleiben), ist der einstmals freundschaftliche Umgangston zwischen den beiden Landsmännern einem kalten Krieg gewichen. Der Kontakt bleibt auf das dienstlich Notwendige beschränkt.

Was diese Episode exemplarisch zeigt: Das Bielefelder Orchester ist nicht nur ein über die Grenzen der Stadt bekannter Klangkörper, sondern ein lebender Organismus, der dank heftiger Hormonschwankungen seiner männlichen Mitglieder immer in Bewegung bleibt. Außenstehende würden sagen: Denen wird es nie langweilig. Reichlich Wodka und ein abwechslungsreiches Liebeslieben. So sind sie halt, die Musikusse.

Georg Brandt ist auch so ein Fall. Er ist nicht nur auf der Suche nach wertvollen Geigen, sondern immer auf der Suche nach bindungswilligen jungen Frauen. Die Fluktuation ist bei ihm, wie bei vielen anderen Kollegen, groß, aus welchen Gründen auch immer. Junge Frauen mit neugierig großen Augen und zarten Gesichtern, samtweicher Haut und anschmiegsamen Körpern entdecken Brandt und seine Kollegen vorzugsweise bei Premierenfeiern und ähnlichen Ereignissen, die in der Szene unter der Bezeichnung Kulturevents laufen. Bei Licht besehen handelt es sich aber um nichts anderes als mit Steuergeldern finanzierte Partnertauschbörsen, bei denen Fingerfood mit Prosecco gereicht wird und die durch die Anwesenheit des Oberbürgermeisters und anderer Honoratioren der Stadt den Siegel der Seriosität erhalten, jedenfalls bis zirka 23 Uhr.

Wenn dann die Politprominenz die Räumlichkeiten verlassen hat, ist es zu vorgerückter Stunde schon vorgekommen, dass sich zwei Kulturschaffende an den Kragen gegangen sind. Das Ablaufschema ist immer ähnlich: Es beginnt erst mit einem lauter werdenden Wortwechsel, in dessen Verlauf Sekt über den Frack des jeweils anderen gekippt wird. Wofür man sich natürlich entschuldigt, auch wenn die Attacke geplant und voller Absicht war. Entweder wird dann jemand umgeschubst oder es werden versteckt und kühl lächelnd derbe Stöße mit dem Ellbogen in die Magen- und Rippengegend gesetzt. Offene Prügeleien sind äußerst selten, gilt es doch die Form zu wahren (es handelt sich immerhin um ein Kulturorchester).

Hinzu kommt: Die Gefahr, sich an den Händen zu verletzten, ist zu groß. Die Finger sind bei allen Musikern das wichtigste Kapital, das man nicht aufs Spiel setzen will. Obendrein käme bei Verletzungen die Berufsgenossenschaft ins Spiel. Den Ärger wollen die Orchestermitglieder dann doch nicht haben. Lediglich die Kollegen aus dem Ex-Ostblock lassen sich mentalitätsbedingt schon mal zu einem Faustschlag hinreißen. Der kommt dann zum Einsatz, wenn der kulturelle Hintergrund es quasi erzwingt, zum Beispiel, weil die männliche Ehre oder was auch immer danach schreit.

Anlässe für Auseinandersetzungen gibt es viele. Häufig kommen sich Kollegen ins Gehege, die zusammen an einem Notenpult sitzen und zwischen denen die Chemie nicht stimmt. Zum Beispiel weil sich einer beharrlich weigert, die Noten umzublättern und diese Tätigkeit giftig schmunzelnd dem Pultnachbarn überlässt, dem das auf Dauer natürlich übel aufstößt, weil das seinem Gerechtigkeitsgefühl zuwider läuft.

Hauptanlass für Konflikte sind aber immer noch die Freundinnen und Liebhaberinnen, insbesondere, wenn sie von einem Kollegen ausgespannt wurden. Georg Brandt, der unverheiratet ist, hat in dieser Hinsicht einen sehr schlechten Ruf, weshalb er schon mehr als einmal am nächsten Tag mit blauen Flecken am Brustkorb aufgewacht ist. Die Schmerzen halten sich aber in der Regel in Grenzen, liegt doch der Anlass für die tätliche Auseinandersetzung meist neben ihm im Bett und spendet schmerzlindernden Trost.

Ende der Leseprobe

Tod eines Musikers können Sie hier kaufen!

Der neue Haverbeck: Tod eines Musikers. Haverbeck ermittelt und lernt eine merkwürdige Welt kennen

Tod eines MusikersAm Ufer des Bielefelder Obersees wird ein Toter entdeckt. Die Spur führt Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck in die Sphäre der Bielefelder Hochkultur, denn der Tote ist Mitglied im Bielefelder Theaterorchester. Dort geht es ganz und gar nicht zivilisiert zu. An der Spitze steht ein Choleriker, der die Musiker schikaniert und seine Ehe mit Liebhaberinnen garniert. Auch andere Orchestermitglieder entsprechen ganz und gar nicht dem Bild, das man sich von einem Kulturorchester macht. Ein weiterer Toter bringt die Stadt in Aufruhr. Und es geht die Angst um, dass das erst der Anfang einer Mordserie sein könnte.

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