Schlagwort-Archiv: Haverbeck

Neu: Tod einer Wahrsagerin. Haverbeck ermittelt und blickt in die Zukunft

Eigentlich freut sich Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck schon auf sein freies Wochenende. Endlich mal wieder Zeit für Frau Carola und das kleine Töchterchen. Doch dann wird die schöne Wahrsagerin Anastasia Patopulos tot aufgefunden, erschlagen in ihrem Zelt während des Sparrenburgfests in Bielefeld.

Gleich am Anfang seiner Ermittlungen stößt Haverbeck auf den zwielichtigen Lebenswandel der 30jährigen. Denn sie wusste nicht nur, wie man mit Karten in die Zukunft blickt, sondern auch, wie man reiche Männer dazu bringt, ihr regelmäßig ansehnliche Geldbeträge zu überweisen. Die Suche nach dem Täter gestaltet sich schwierig. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Haverbecks neuer Chef alles besser weiß und ihm das Leben schwer macht.

Hier können Sie das Buch kaufen.

Siegfried Haverbeck – Versuch eines Psychogramms

Durch mittlerweile  fünf Bände zieht sich seine Spur, er fängt Mörder und ist der Schrecken seiner Vorgesetzten. Aber wer ist Siegfried Haverbeck eigentlich?

Von Beruf ist er Kriminalpolizist. Anfangs mit wenig Leidenschaft, was er aber bisher keinem erzählt hat. Die ist erst mit den Jahren dazugekommen. Irgendwann hatte er mal den Spruch gehört: Wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch Verstand. Den Spruch brauchte Haverbeck nur ein wenig abwandeln und an seine Situation anpassen: Er ersetzte den Verstand durch die Leidenschaft. Denn die ist mit den Aufgaben gewachsen. Und mit den Beförderungen. Immerhin ist er jetzt Kriminalhauptkommissar. Mehr ist für ihn ohnehin nicht drin. (Da hätte er in der Schule mehr hinter Büchern sitzen, als hinter Mädchen her sein müssen).

Trotz der Leidenschaft für seine Arbeit (andere würden von Spaß sprechen, was er aber im Zusammenhang mit Tötungsdelikten für unpassend hält) sieht er seinen Beruf nüchtern. Emotionale Ausbrüche, Herumgeschreie und Gewaltexzesse – nicht mit ihm. Deshalb schüttelt er immer nur fassungslos den Kopf, wenn er die Kollegen aus den Krimiserien im Fernsehen agieren sieht. Das fing schon mit Schimanski an. Wie der sich benommen hat, nein, das ging nun gar nicht. Hätte Haverbeck etwas zu sagen gehabt, er hätte ihn in die Asservatenkammer verbannt.

Er sei ein richtiger Preuße, meinte einmal ein Kollege. Haverbeck musste erst eine Nacht darüber schlafen. Am nächsten Morgen war ihm klar: Der Kollege hatte ihn richtig beschrieben. Nur mit Ruhe, Gelassenheit und Distanz zum Geschehen kann man einen Mord aufklären. Warum sich aufregen und Emotionen zeigen? Die Toten werden dadurch nicht wieder lebendig und mehr Gehalt gibt es auch nicht. Den Hinterbliebenen hilft er damit ebenfalls nicht. Die wollen nicht noch einen psychisch aufgelösten Polizisten im Wohnzimmer stehen haben, sondern einen, der zack, zack den Mörder findet.

Dass er Schwächen hat, niemand weiß das besser als er. Haverbeck denkt an eine ganz besondere, obwohl sich diese Schwäche mit der Heirat seiner Kollegin (Carola, Kriminaloberkommissarin) verflüchtig hat. Ob es nun an seiner Größe mit 1,91 oder an seinen markanten Gesichtszügen liegt, oder an beidem – er weiß, dass er auf Frauen eine gewisse Ausstrahlung hat (besonders mit Drei-Tage-Bart). Das ist natürlich an sich keine Schwäche, kann aber zu einer werden, wenn man in gewissen Situationen schwach wird.

Das letzte Ereignis dieser Art ist noch gar nicht so lange her. Da wollte doch eine wirklich attraktive Frau, so um die 30, ihn gar nicht mehr aus ihrer Wohnung lassen. Sie wurde sogar handgreiflich. Ihr Mann war einige Monate vorher gestorben und sie hatte noch keinen Ersatz gefunden. Aber in solchen Fällen denkt Haverbeck immer an den Preußen in sich. Dann kommt er problemlos auch aus solchen Gefahrenlagen wieder heraus.

XXL-Leseprobe aus Tod eines Musikers

1. Erzürne nie einen Dirigenten

Tod eines Musikers»Fortissimo, meine Herren, fortissimo, nur nicht so zaghaft. . . . Und meine Damen, das gilt erst recht für sie. Holen sie aus Ihren Instrumenten alles heraus. . . . Ja . . . gut. . . . Auch die Bässe . . . ja, ja. Gehen sie mit ihren Bögen richtig kraftvoll in die Saiten. Keine falsche Bescheidenheit. Wir spielen hier eine der wichtigsten Sinfonien der Welt. Nicht nur ihre Instrumente, auch der Saal muss vibrieren. Jeder Zuhörer muss die Töne in seinem Körper spüren.«

Vladimir Vladors Taktstock geht mit weit ausholenden Schwüngen durch die heizungswarme Luft der Bielefelder Konzerthalle. Mit dem Takt des Dirigierstabes schwingt der massige Körper des Generalmusikdirektors von einer Seite zur anderen. Wenn er nur dirigiert und dem Orchester keine Anweisungen gibt, dann arbeiten seine Lippen ihr eigenes künstlerisches Programm ab. Entweder sind sie zugespitzt, als wolle er pfeifen. Dann schließt er gelegentlich auch seine Augen und wäre dabei schon mehrmals fast vom Podest gefallen. Manchmal ist sogar ein leiser Grunzton zu hören. Oder er presst seine sinnlichen Lippen zusammen und zieht sie weit auseinander. Dann sieht er aus wie eine etwas unbeholfen hin und her wackelnde Ente. Vladimir Vlador, von den Musikern hinter vorgehaltener Hand auch »der Russe« genannt, ist dann ganz in seinem Element.

In wenigen Tagen, Ende November, wenn Beethovens fünfte Sinfonie aufgeführt wird, steht er seit fünf Jahren an der Spitze des Bielefelder Orchesters. Es soll ein großer Tag für ihn werden.

»Nein, Fini, Stopp, so nicht.« Seine kräftige, sonore Stimme klingt nicht mehr freundlich. Aus der unbeholfenen Ente ist urplötzlich ein mächtiger russischer Bär geworden, dem man sich lieber nicht in den Weg stellt.

»Ab Takt 98 nochmal, alle zusammen.« Der Befehlston lässt die Geiger an den Pulten in der Nähe des Dirigenten zusammenzucken. »Bitte lesen sie die Noten genau. Insbesondere den Streichern lege ich das nahe. In Takt 118, das ist eine viertel Note, keine achtel oder irgendwas anderes. Wenn das da so steht, dann soll das auch so gespielt werden. Sonst können wir uns das Notenlesen auch sparen. Herr Beethoven wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Das kann doch nicht so schwer sein.«

Hans Berlach, der erste Geiger, schließt kurz die Augen, atmet einmal tief durch und sieht dann Georg Brandt an. Das Signal an seinen Pultnachbarn ist eindeutig – der Russe nervt mal wieder. Doch lautstarken Protest gibt es nicht. An die eigentlich unverschämten Kommentare haben sich die Musiker mittlerweile gewöhnt, zumindest protestiert keiner öffentlich.

Georg Brandt lässt den Redeschwall ohne äußere Regung über sich hinwegschwappen. Fraglich ist, ob er überhaupt mitbekommt, was sein Chef sagt. Denn wenn Brandt pausiert und seine Geige absetzt, ist er mit seinen Gedanken oft in einer anderen Welt. In der geht es zwar auch um Geigen. Doch die sind zu einer Handelsware geworden, denn Brandt stockt sein Gehalt mit dem Verkauf von Streichinstrumenten ordentlich auf.

Sein derzeitiges Problem: Mit welchen unschlagbaren Argumenten kann er einem potentiellen Käufer eine schon etwas ramponierte italienische Geige von Pietro Giovanni Guarneri aus dem Jahr 1715 anbieten, die er vor einem halben Jahr einer Musiker-Witwe für ein Taschengeld abgeschwatzt hat? (Was wollen Sie denn damit? Vom Herumliegen wird das Instrument auch nicht besser, der Klang leidet.) Seit gut drei Wochen hat er den Interessenten an der Angel. Nur der Kerl ziert sich. Zugegeben, 150.000 Euro ist viel Geld. . . . Was hat der Russe gesagt?

Kaum hat das Orchester einige Takte gespielt (Brandt hat doch glatt den Einsatz verpasst), winkt Vlador energisch mit der linken Hand ab. »Halt, halt.« Er presst seine Lippen zusammen und die Hand wird kurzzeitig zur Faust. Er senkt den Kopf und atmet hörbar durch die Nase ein und aus. Er streicht sich langsam über die Stirn, so als würde er einige Schweißtropfen wegwischen, die dort aber nicht sind. Die Erfahrung der Musiker besagt: Bei dieser Lippen-Faust-Schweißtropfen-Konstellation ist Vorsicht angebracht. Sie signalisiert die Ruhe vor dem Sturm. Das Orchester verstummt langsam. Zuerst nehmen die Streicher ihre Bögen von den Saiten. Die Blechbläser setzen als letzte ihre Instrumente ab. Sie lassen sich immer ein paar Sekunden länger Zeit. Fast scheint es so, als hätten die Frauen und Männer mit ihren Trompeten und Posaunen, die erhöht auf einem Podest sitzen, sich zu dieser kleinen Dauerrebellion verabredet.

»Nein, nein, nein und nochmals nein.« Bei jedem Nein hämmert Vlador seinen Taktstock auf das Notenpult, worunter die Partitur leidet, die dort liegt. Denn die Stockspitze bohrt mit jedem Schlag ein kleines Loch in das vom vielen Herumblättern ohnehin schon stark beanspruchte Notenpapier. Hätte er nach dem dritten Schlag mit seinem Wutausbruch mal lieber Schluss gemacht. Denn den vierten überlebt der Taktstock nicht. Er bricht durch. Das obere Teil fliegt dem Cellisten rechts neben ihm gegen sein teures Instrument. Den unteren Teil wirft Vlador wie ein leeres Wodkaglas über seine rechte Schulter in Richtung der leeren Besuchersitze. Was den Eindruck verstärkt, den einige Musiker schon seit geraumer Zeit hegen: Die Nummer mit dem Taktstock ist Show, fast schon ein Ritual, das mindestens einmal im viertel Jahr dran ist. Doch diesmal ist es nicht ohne Folgen geblieben.

»Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie gerade mein Instrument beschädigt haben.« Der sonst so stille Ferdinand Lopez deutet mit einem zittrigen Zeigefinger auf die geplatzte Lackstelle, die das spitze Holzstöckchen auf seinem Cello hinterlassen hat. Der Russe blickt ihn an, als wolle er sich mit einer solchen Lappalie zumindest jetzt nicht beschäftigen. Doch weil 67 Augenpaare die Beschwerde des Cellisten mitbekommen haben, steigt er mit väterlichem Lächeln, wenn auch widerwillig, von seinem Thron, geht zu dem Taktstock-Opfer, beugt sich nach vorne und inspiziert die besagte Stelle. Er fährt mit seinem dicken Daumen darüber und blickt den immer noch aufgebrachten Cellisten an, als wolle er sagen, dass es doch gar nicht so schlimm sei. Dann flüstert er ihm etwas zu. Doch er spricht immer noch so laut, dass die Kollegen in der Nähe zwar nicht alles verstehen, aber zumindest den Satz: »Da werden wir uns schon handelseinig. Kommen Sie nach der Probe in mein Büro.«

Auf dem Dirigentenpodium wieder angekommen, geht Vlador mit erstaunlich ruhig vorgetragenen Erläuterungen auf die Takte ein, die ihn so in Rage gebracht haben. Aber er lässt die Stelle nicht mehr spielen. Er blättert einige Seiten weiter in seiner Partitur.

»Ab Takt 228, dort, wo das Fortissimo beginnt. Aber übertreiben Sie es nicht mit der Lautstärke.« Er lächelt milde. Man könnte meinen, die Folgen seines Wutausbruchs hätten ihn zumindest für heute zu einem sozialverträglicheren, wenn nicht gar besseren Menschen gemacht. Mit einem neuen Taktstock, den er aus einer neben seinem Notenpult stehenden Aktentasche gezogen hat, gibt Vlador das Tempo vor. Seine Augen sind geschlossen und sein Körper schwingt im Rhythmus der Musik hin und her. Plötzlich reißt er sie auf und sein Stöckchen kommt wieder zu einem nicht bestimmungsgemäßen Einsatz. Er klopft damit, wenn auch behutsam, ein paar Mal an sein Pult.

»Meine Damen und Herren, ich weiß nicht woran es liegt, ob am stürmischen Wetter oder woran auch immer. Nur hier spielt jemand«, und seine Stimme wird lauter, »ziemlich unsauber. Das werden wir ändern. Bitte ab Takt 248 die zweiten Geigen alleine.«

Zehn Männer zwischen Mitte Zwanzig und kurz vor dem Ruhestand nehmen ihre Instrumente und spielen wie ihnen befohlen. Sie wissen, dass in diesem Moment ein unwürdiges Spiel begonnen hat. Nach ein paar Takten winkt der Russe ab.

»Das vierte Pult alleine.« Sein kaltes Lächeln signalisiert, dass er längst weiß, wie das Vorspiel enden wird. An diesem Pult sitzen Berti Karl und Mario Runde.

Karl geht in vier Monaten in Rente. Er freut sich auf den Ruhestand, denn er hasst mittlerweile seinen Beruf. Den Satz »40 Jahre sind genug«, baut er seit Monaten in jedes Gespräch mit Kollegen ein. Dazu passend hat er sich wie zu seiner Bundeswehrzeit ein Maßband gekauft, von dem er jeden Tag einen Zentimeter abschneidet. Es hängt in seinem Spind (ohne Pin-up-girl) im Probenraum. Gelegentlich gibt Karl sogar noch eine verschärfte Variante von »40 Jahre sind genug« zum Besten: Nie, nie wieder werde er eine Geige in die Hand nehmen, geschweige denn auf einer spielen. Von seinem Plan, seine zwei Instrumente als Höhepunkt einer Abschiedsfeier in ein Feuer zu werfen, hat er aber wieder Abstand genommen. Sein Rentenberater hat ihm davon abgeraten (und ganz ernst hat er es ohnehin nie gemeint). Weshalb er überlegt, seine Instrumente den nebenberuflichen Geigenhändlern unter seinen Kollegen zum Kauf anzubieten. Georg Brandt ist längst nicht der einzige, der sich so ein nettes Zubrot verdient.

Der zweite am Pult, Mario Runde, ist mit seinen 25 Jahren der jüngste im Orchester. Nicht, dass sein Geigenspiel schlecht wäre. Aber man munkelt, dass bei seiner Einstellung persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt haben sollen. Er gehört zu den Musikern, die ein zweites Instrument professionell beherrschen, was immer gerne gesehen wird. Wenn die Schlagzeuger zusätzlichen Bedarf haben, weil ein Komponist meint, es müsse ordentlich Krach gemacht werden, greift man ohne Zusatzkosten auf ihn zurück. Rhythmusgefühl zumindest hat er.

Vlador gibt den Einsatz. Er steht auf seinem Podest. Die Augen hat er geschlossen, der Kopf ist nach unten geneigt. Seinen linken Arm hat er auf seine Gürtelschnalle gelegt, so als habe er Bauchschmerzen oder werde sie gleich bekommen. Fast schon gelangweilt gibt er minimalistisch aus dem Handgelenk heraus mit dem Dirigierstab den Takt vor. Es ist nicht zu überhören, irgendeiner der beiden Violinisten spielt das F auf der D-Seite immer einen Tick zu hoch. Den Bruchteil eines Millimeters setzt jemand den zweiten Finger zu hoch auf das Griffbrett, was sich bei zehn Streichern eigentlich nicht störend bemerkbar macht. Aber der Russe hört es. Weder wird er, wie viele Orchestermitglieder, von einem Tinnitus geplagt, noch hat er überhaupt irgendwelche Hörprobleme, trotz seiner 52 Lebensjahre und der Tatsache, dass er seit einigen Jahren an Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck leidet. Nach zehn Takten nimmt er seinen Arm vom Bauch und winkt ab. »Herr Karl, spielen Sie bitte einmal die Stelle.«

Vlador geht wieder in seine Bauchschmerzposition und gibt ruhig den Takt vor. Berti Karl trifft das F auf Anhieb sauber, ohne nachjustieren zu müssen. Vlador nickt zufrieden den Kopf. »Spasiba«, sagt er nach einigen Takten. Er liebt es, gelegentlich auf seine sprachlichen Wurzeln hinzuweisen.

Vladimir Vlador senkt langsam seinen Taktstock. Für mehrere Sekunden hält er seinen Kopf nach unten geneigt, so als würde er meditieren. Dann holt er tief Luft und sieht Mario Runde mit bohrendem Blick an. Über dem Orchester liegt eine gespenstische Ruhe. Runde hat schon beim Vorspiel seines Pultnachbarn einen roten Kopf bekommen. Aber jetzt, wo ihn der Russe mit seinem Blick förmlich aufspießt und ihn für das gesamte Orchester gut sichtbar quasi in die Höhe hebt, glüht er. Er zappelt und wehrt sich. Aber sein Chef lässt ihn nicht los. Hier ist er, der Übeltäter. Seht ihn euch an. So ergeht es jedem, der meine Ohren beleidigt.

Auch ohne Vorspiel vor dem gesamten Orchester – mehr Demütigung geht nicht. Oder besser: fast nicht. Diese letztmögliche Karte beim Musikerquälen wollte Vlador in diesem Fall dann doch nicht ausspielen. Das hat er bisher erst einmal gemacht. Die Konsequenzen waren fatal.

Gottlieb Kleiner, einer am letzten Pult der zweiten Geigen, der bekanntermaßen nichts vom Üben hielt, musste eine wirklich fummelige Stelle aus irgendeiner Symphonie von Brahms alleine vorspielen. Das akustische Ergebnis war desaströs. Zwei Tage später brachte er den Fahrplan der Bundesbahn durcheinander und einen Lokführer in die Psychiatrie. Bei seiner Beerdigung waren fast alle Kollegen anwesend. Der Russe konnte nicht kommen. Seine Geliebte aus dem Ballett-Ensemble war ihm einen Tag zuvor weggelaufen. Als die Glocken der Friedhofskapelle läuteten, lag er im Bett, spülte seinen Liebeskummer mit Wodka herunter und ließ sich von seiner Frau pflegen.

 

2. Das Liebesleben der Musiker

 

Mittlerweile ist das außereheliche Liebesleben des Dirigenten aber wieder im Lot. Eine Freundin der untreu gewordenen Tänzerin, ebenfalls Mitglied des Tanzensembles, hat die hinterlassene Lücke aufgefüllt. Sibylle Bergdorf lag zuvor in den Armen und im Bett eines anderen Musikers. Der heißt Boris Ziborski, ist ebenfalls verheiratet und verdient im Orchester als erster Bassist sein Geld.

Bis heute hat er die abrupte Trennung nicht verschmerzt. Wann immer Ziborski seinen Chef sieht (und er sieht ihn fast täglich), steigt Wut in ihm auf. Obwohl er, von diesem hormonell bedingten Ereignis einmal abgesehen, ihm eigentlich dankbar sein müsste. Denn Vlador war es, der sich für eine Aufnahme seines Studienkollegen im Orchester stark gemacht hat. Und hätte der junge Boris zu Sowjetzeiten nicht in Vladors Vater einen energischen Fürsprecher gefunden, wäre er wegen einer studentischen Flugblatt-Aktion mit ziemlicher Sicherheit für Jahre in ein sibirisches Straflager gekommen.

Doch von Dankbarkeit keine Spur. Mehr noch: Seit Sibylle Bergdorf das Bett gewechselt hat und in den Augen ihrer Freundinnen einen sozialen Aufstieg vollzogen hat (wenngleich auch nur als Geliebte des Dirigenten, aber das muss ja nicht immer so bleiben), ist der einstmals freundschaftliche Umgangston zwischen den beiden Landsmännern einem kalten Krieg gewichen. Der Kontakt bleibt auf das dienstlich Notwendige beschränkt.

Was diese Episode exemplarisch zeigt: Das Bielefelder Orchester ist nicht nur ein über die Grenzen der Stadt bekannter Klangkörper, sondern ein lebender Organismus, der dank heftiger Hormonschwankungen seiner männlichen Mitglieder immer in Bewegung bleibt. Außenstehende würden sagen: Denen wird es nie langweilig. Reichlich Wodka und ein abwechslungsreiches Liebeslieben. So sind sie halt, die Musikusse.

Georg Brandt ist auch so ein Fall. Er ist nicht nur auf der Suche nach wertvollen Geigen, sondern immer auf der Suche nach bindungswilligen jungen Frauen. Die Fluktuation ist bei ihm, wie bei vielen anderen Kollegen, groß, aus welchen Gründen auch immer. Junge Frauen mit neugierig großen Augen und zarten Gesichtern, samtweicher Haut und anschmiegsamen Körpern entdecken Brandt und seine Kollegen vorzugsweise bei Premierenfeiern und ähnlichen Ereignissen, die in der Szene unter der Bezeichnung Kulturevents laufen. Bei Licht besehen handelt es sich aber um nichts anderes als mit Steuergeldern finanzierte Partnertauschbörsen, bei denen Fingerfood mit Prosecco gereicht wird und die durch die Anwesenheit des Oberbürgermeisters und anderer Honoratioren der Stadt den Siegel der Seriosität erhalten, jedenfalls bis zirka 23 Uhr.

Wenn dann die Politprominenz die Räumlichkeiten verlassen hat, ist es zu vorgerückter Stunde schon vorgekommen, dass sich zwei Kulturschaffende an den Kragen gegangen sind. Das Ablaufschema ist immer ähnlich: Es beginnt erst mit einem lauter werdenden Wortwechsel, in dessen Verlauf Sekt über den Frack des jeweils anderen gekippt wird. Wofür man sich natürlich entschuldigt, auch wenn die Attacke geplant und voller Absicht war. Entweder wird dann jemand umgeschubst oder es werden versteckt und kühl lächelnd derbe Stöße mit dem Ellbogen in die Magen- und Rippengegend gesetzt. Offene Prügeleien sind äußerst selten, gilt es doch die Form zu wahren (es handelt sich immerhin um ein Kulturorchester).

Hinzu kommt: Die Gefahr, sich an den Händen zu verletzten, ist zu groß. Die Finger sind bei allen Musikern das wichtigste Kapital, das man nicht aufs Spiel setzen will. Obendrein käme bei Verletzungen die Berufsgenossenschaft ins Spiel. Den Ärger wollen die Orchestermitglieder dann doch nicht haben. Lediglich die Kollegen aus dem Ex-Ostblock lassen sich mentalitätsbedingt schon mal zu einem Faustschlag hinreißen. Der kommt dann zum Einsatz, wenn der kulturelle Hintergrund es quasi erzwingt, zum Beispiel, weil die männliche Ehre oder was auch immer danach schreit.

Anlässe für Auseinandersetzungen gibt es viele. Häufig kommen sich Kollegen ins Gehege, die zusammen an einem Notenpult sitzen und zwischen denen die Chemie nicht stimmt. Zum Beispiel weil sich einer beharrlich weigert, die Noten umzublättern und diese Tätigkeit giftig schmunzelnd dem Pultnachbarn überlässt, dem das auf Dauer natürlich übel aufstößt, weil das seinem Gerechtigkeitsgefühl zuwider läuft.

Hauptanlass für Konflikte sind aber immer noch die Freundinnen und Liebhaberinnen, insbesondere, wenn sie von einem Kollegen ausgespannt wurden. Georg Brandt, der unverheiratet ist, hat in dieser Hinsicht einen sehr schlechten Ruf, weshalb er schon mehr als einmal am nächsten Tag mit blauen Flecken am Brustkorb aufgewacht ist. Die Schmerzen halten sich aber in der Regel in Grenzen, liegt doch der Anlass für die tätliche Auseinandersetzung meist neben ihm im Bett und spendet schmerzlindernden Trost.

Ende der Leseprobe

Tod eines Musikers können Sie hier kaufen!

„Tod eines Pizzabäckers“ Worum geht es in dem Kriminalroman?

Der Pizzabäcker Gorgio Demoli wird von seiner Frau tot am Ende einer Kellertreppe gefunden. Es sieht nach einem Arbeitsunfall aus. Doch Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck hat so seine Zweifel und tippt auf Mord. Er und sein Team, darunter auch seine Freundin, stoßen im Laufe der Ermittlungen auf ein sorgsam gespanntes Netz aus Lügen und falschen Indizien. Erst ein weiterer Toter bringt sie auf eine erfolgversprechende Spur. Was Haverbeck und seine Leute im Zuge ihrer Ermittlungen aufdecken, bleibt nicht auf die beiden Kriminalfälle beschränkt. Auch das Leben vieler ehrenwerter Bürger wird durch die Ermittlungen ziemlich durcheinander gewirbelt.

Eine XXL-Leseprobe finden Sie hier.

Das vollständige Ebook können Sie hier kaufen!

Leseprobe aus: Tod eines Pizzabäckers. Haverbeck ermittelt und lässt sich lange an der Nase herumführen

1. Haverbecks Zweifel

»Das war kein tödlicher Treppensturz. Das war Mord.« Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck tippt mehrmals mit dem Zeigefinger auf die Akte »Pizzabäcker Siekerwall« und schaut in Richtung seines neuen Mitarbeiters. Philip Landmann, der junge Kriminalkommissar, der still im hinteren Teil des geräumigen Büros in alten, ungeklärten Mordfällen herumblättert, hebt den Kopf und blickt seinen Chef an.

Haverbeck_Pizzabäcker_Finale._neu5 - Kopie»Das wird schon stimmen, dass dieser Pizzabäcker, wie heißt er nochmal . . .« Haverbeck schlägt die Akte auf, » . . . Gorgio Demoli, eine kaputte Ofenplatte auswechseln wollte. Aber dass er auf der Treppe ausgerutscht und heruntergefallen ist und dann von dem Metallteil erschlagen wurde . . . das geht so nicht. Da hat jemand nachgeholfen, mit ziemlicher Sicherheit.«

Haverbeck stützt seine Handflächen auf den Schreibtisch, drückt seinen Oberkörper für einige Sekunden nach oben, hält die Luft an und lässt sie mit einem gehauchten »Ahhh« als Schwall entweichen. »Wäre der Demoli einfach nur die Treppe heruntergefallen und tot liegen geblieben, dann würde ich sagen, das ist zwar tragisch, doch sowas kommt nun mal vor. Aber diese Variante? Nein, da sind mir zuviele Zufälle im Spiel.« Landmann signalisiert mit seinem Kopf Zustimmung.

Der 42 Jahre alte Kriminalhauptkommissar steht auf, zupft seine verwaschene Jeansjacke zurecht und geht langsam zum Fenster seines Büros in der siebenten Etage des Polizeipräsidiums Bielefeld. Auch wenn die über die Jahre matt gewordenen Metallknöpfe noch dran sind – seit einigen Monaten knöpft er die Jacke nicht mehr zu. Der Stoff spannt mittlerweile auch im Stehen unangenehm. Was er anfangs darauf zurückführte, dass er die Jacke wohl zu heiß gewaschen hatte.

Vor einigen Wochen war er bereit für eine bessere Erklärung. Ihm war ein Foto von seinem 35. Geburtstag in die Hände gefallen. Ein kantiges Gesicht blickte ihm da entgegen, mit wachen, hellblauen Augen. Mutig stellte er sich mit dem Foto in der Hand vor den Spiegel und sah Augen, die immer noch hellblau und wach waren. Aber sie blickten aus einem runder und weicher gewordenen Gesicht. Er sah wieder aufs Foto und dann wieder in den Spiegel. Er musste den Tatsachen ins Auge blicken: Der Unterschied war offensichtlich. Es half auch nichts, Grimassen zu schneiden, die Zähne zusammen zu beißen oder einen männlich-herben Blick aufzusetzen. An den Rundungen änderte sich nichts. Weshalb er sich entschloss, seinen abendlichen Bierkonsum zurückzufahren. Hatte er doch mal gehört, dass diese Bierkalorien besonders wirksam seien, insbesondere im Gesicht und am Bauch.

Vor dem Fenster streckt Haverbeck erst den linken, dann den rechten Arm nach oben und kann dann mit seiner Körpergröße von 191 Zentimetern sogar die Zimmerdecke berühren. Landmann beobachtet ihn und muss schmunzeln. Woher soll er auch nach zwei Tagen in dieser Abteilung wissen, dass sein Chef es mit dem Rücken hat und quasi als Pausenfüller mal stehend oder am Schreibtisch sitzend gelegentlich Dehn- und Streckübungen macht, um seine Bandscheiben zu entlasten, die ihn in letzter Zeit verstärkt ärgern.

Von hier oben hat Haverbeck einen imposanten Blick auf Bielefeld: Geschäfts- und Wohnhäuser, Innenhöfe, gepflasterte Freiflächen, Straßen, Gassen und Spielplätze liegen ihm zu Füßen. Dazwischen wuseln Menschen als kleine Punkte herum, bleiben stehen, gruppieren sich, überqueren Straßen, verschwinden in Häusern, steigen in Busse oder fahren mit Autos herum. Er kneift seine Augen zusammen, schließt sie soweit, dass er die Punkte nur noch schemenhaft wahrnimmt. Was er sieht, erinnert ihn an moderne Kunst. Und er liebt seine Kunstwerke. Doch sie lassen sich leicht zerstören: Zehn Prozent aller Menschen sollen schon mal ernsthaft die Absicht gehabt haben, jemanden umzubringen. Haverbeck zählt, markiert in Gedanken jeden zehnten Punkt – und muss unwillkürlich wieder an seinen gegenwärtigen Fall denken, der ihm noch jede Menge Arbeit machen und das soziale Ansehen vieler ehrenwerter Bürger ruinieren wird.

Er streicht sich über sein fast dunkelblondes Haar, das er vor einigen Tagen bis auf wenige Zentimeter hat kürzen lassen. Weil kurzes Haar irgendwie praktischer ist, so seine offizielle, wenn auch ziemlich nebulöse Begründung. Was vielleicht auch der Grund ist, warum der Flurfunk im Präsidium eine handfestere Erklärung liefert, in der so schlimme Wörter wie »graues Haar«, »älter werden« und »Eitelkeit« im Mittelpunkt stehen. Da der Kriminalhauptkommissar aber nicht nur gut austeilen, sondern auch gut einstecken kann, überdeckt er alle Andeutungen zu seinen eigentlichen Motiven mit einem vielsagenden Lächeln. Mittlerweile haben sich andere Themen in den Vordergrund gedrängt und ‚Haverbecks neuer Haarschnitt‘ ist auf der ‚Was Sie unbedingt wissen müssen‘-Liste weit nach hinten gerutscht. Worüber er nicht traurig ist.

»Ich muss mich mal mit dem Gerichtsmediziner unterhalten«, sagt er, nachdem er sich wieder an seinen Schreibtisch gesetzt hat. Landmann lugt aus den Aktenbergen hervor. Doch weil Haverbeck jetzt die Telefonliste sucht, ist er sich nicht sicher, ob sein Chef nur laut gedacht hat oder ob der Satz ihm galt. Landmann fehlt einfach noch die Erfahrung. Die wird ihm aber schon in ein paar Tagen sagen, dass man bei Haverbeck häufig nie so genau weiß, ob er nun Selbstgespräche führt oder anderen etwas mitteilen will.

Haverbeck drückt seinen Rücken durch und wählt die Nummer des Gerichtsmediziners, legt den Hörer aber gleich wieder auf.

»Herr Landmann, Sie sollen ruhig mitbekommen, wie dienstliche Telefonate geführt werden. Ich mach den Lautsprecher an, dann können Sie mithören.«

Der junge Kollege strahlt über das ganze Gesicht: »Prima, klasse, das mache ich gerne, Danke.«

Haverbeck muss bei so viel Begeisterung ein wenig schmunzeln und tippt die Nummer ein.

»Guten Tag, Herr Dr. Steinkühler. Haverbeck hier. Haben sie ein paar Minuten Zeit?«

Die Frage ist nur rhetorisch gemeint, denn ohne Pause kommt er gleich zum Thema.

»Ich habe die Pizzabäcker-Akte vor mir liegen.«

»Ach, an dem Fall nagen Sie noch herum?«

»Ja. Ich habe da noch einige Fragen. Sie schreiben in Ihrem Bericht, dass der Tod durch den Aufschlag der Ofenplatte herbeigeführt wurde. Also dieser Giorgio Demoli lag unten vor der letzten Treppenstufe und dann kam die Platte über die Steinstufen gerutscht und schlug seitlich auf dem Kopf auf . . .«

Dr. Steinkühler unterbricht ihn. »Ja, schlimm, nicht wahr? Wenn ich daran denke, dass ich vor zwei Wochen mit meiner Frau noch bei ihm gewesen bin. Wir haben nach dem Essen sogar noch einige Worte gewechselt. Da mache ich nun schon fast zwanzig Jahre diesen Job. Aber wenn ich dann jemanden vor mir liegen habe, den ich kenne und den man so zugerichtet hat . . .«

»Das ist genau meine Frage. Hat man ihn so zugerichtet oder war es ein Unfall?«

»Das habe ich jetzt nur so gesagt. Die Ofenplatte hat ihn sozusagen so zugerichtet. Ob da quasi noch ein Mensch hinter der Platte stand und Absicht hat walten lassen . . . Ich habe da nichts finden können.«

»Also, Herr Dr. Steinkühler, der Demoli muss ja schneller als diese Metallplatte unten an der Treppe angekommen sein. Das klappt nur, wenn sie sich nach ihm, also zeitlich gesehen nach ihm, auf den Weg nach unten gemacht hat. Also in etwa so: Der Demoli rutscht aus, die Platte gleitet ihm aus der Hand, liegt dann einige Sekunden wippend auf der obersten Treppenkante und rutscht, als der Pizzabäcker schon unten liegt, ihm hinterher. Aber irgendwie ist das doch sehr unwahrscheinlich, dass sie so lange hin und her schaukelt oder sich irgendwie verkantet und erst nach einigen Sekunden herunter rutscht. Und dann liegt der Demoli auch noch genau so, dass der Kopf getroffen wird. Einige rötliche Kaschmirfasern haben wir übrigens an einer Seite der Ofenplatte auch noch gefunden. Demoli hatte nichts mit diesem Stoff an. Da ist die Vermutung doch nicht abwegig, dass vorher jemand mit einem Kaschmirpullover die Platte in der Hand gehalten haben muss.«

»Aber es kann doch trotzdem auch sein, dass der Demoli sie die ganze Zeit in der Hand gehalten hat. Er ist mit der Platte die Treppe herunter gestürzt und unten ist sie ihm auf den Kopf geknallt.«

»Haben wir auch in Erwägung gezogen. Das glaube ich aber nicht. Die Ofenplatte ist wie eine Diskus-Scheibe die Treppe herunter gerutscht. Ich habe die Fotos der Kollegen hier vor mir liegen. Wenn er sie mit beiden Händen festgehalten hätte, sähe der Abrieb an den Steinstufen anders aus, unregelmäßiger. Und es wären mit Sicherheit größere Teile von der Treppe abgeschlagen worden. Auch seine Hände, insbesondere die Knöchel, sähen anders aus.«

Der Gerichtsmediziner wird jetzt richtig neugierig. »Haben Sie denn noch andere Fingerabdrücke an der Platte gefunden?«

»Ja, zwei. Wir wissen nur noch nicht von wem die sind. Aber die können irgendwie drangekommen sein. Die müssen nichts mit diesem Ereignis zu tun haben.«

»Ich beneide Sie nicht. Aus diesen Fakten die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen ist nicht leicht. Was ich nur sagen kann: Eine Treppe ist er definitiv heruntergefallen.«

»Und es ist auch genau diese Treppe gewesen«, ergänzt Haverbeck. »Die Spurensicherung hat ja Hautreste an den Stufenkanten gefunden, die Demoli zugeordnet werden konnten.«

»Und auch die vielen Hämatome sprechen für einen Abgang über die Treppe. Wie viele habe ich gezählt?«

Haverbeck blättert in der Akte. »23 bis 27.«

»Stimmt. Ich war mir bei einigen nicht so sicher. Denn da lagen an manchen Stellen mindestens zwei übereinander. Und dann gab es noch ein halbes Dutzend Hämatome, die waren schon etwas älter. Der Farbe nach zu urteilen, habe ich mich auf sieben oder neun Tage festgelegt. Muss auch irgendwo im Bericht stehen. Aber bei diesen Flecken weiß man das nie so genau. Das hängt auch vom individuellen Stoffwechsel ab. Mal arbeiten die Enzyme die Blutrückstände schneller ab, mal sind sie langsamer.«

Haverbeck blättert wieder in der Akte. »Sie schreiben, dass diese alten Flecken von einem oder mehreren eher schmalen, länglichen und vermutlich kantigen Gegenständen herrühren müssen.«

»Ja, die lagen alle im Bereich von Oberkörper und Armen. Auch an beiden Handflächen waren welche zu finden. Das könnten Folgen von Schlägen sein. Vielleicht hat er sich mit jemandem geprügelt oder er ist ziemlich derbe verhauen worden und hat versucht, die Schläge mit Händen und Armen abzuwehren.«

Haverbeck hört sich die Überlegungen an, ohne darauf einzugehen.

»Na gut. Vielen Dank erst mal. Ich werde mir das vor Ort mal ansehen müssen. Denn wenn das kein Unfall war sondern Mord, dann zählt wirklich jedes Detail.«

»Da wird sich ihr Chef aber wieder freuen.«

Haverbeck erkennt im ersten Moment nicht, dass Dr. Steinkühler die Bemerkung ironisch meint.

»Wieso?«

»Ich hatte ihn kurz vor unserem Gespräch an der Strippe. Er wollte wissen, wie Sie diesen Fall bewerten.«

»Wieso ruft Dr. Scheel denn bei Ihnen an, wenn er wissen will, was ich denke?«

»Weiß ich nicht. Ich habe mich auch gewundert.«

»Und was haben Sie ihm gesagt?«

»Na, dass Sie auch davon ausgehen, dass das ein Unfall gewesen ist. Das war ja bis vor drei Minuten auch richtig . . .«

»J-a-a.«

Mehr als diese in die Länge gezogene Bestätigung kommt aus Haverbeck nicht heraus. Denn in Gedanken ist er schon weiter. Er weiß, dass Dr. Scheel ihn loswerden will, zumindest hatte ihm das Carola Schmidt von der Organisierten Kriminalität schon vor Wochen erzählt. Die 36jährige Kriminaloberkommissarin hat er vor einigen Monaten auf einer Fortbildung als geistig anregend und körperlich aufregend kennengelernt. Seitdem ist aus einer lockeren Verbindung eine ziemlich enge Freundschaft geworden. Carola hat diese Infos wiederum von Brigitte Huld, Dr. Scheels Sekretärin. Die beiden haben schon im Sandkasten Geheimnisse ausgetauscht. Carolas Hinweis hatte Haverbeck damals nicht so ernst genommen. Aber wenn sich sein Chef jetzt schon bei anderen über ihn erkundigt, dann scheint da was dran zu sein.

»Herr Haverbeck, sind Sie noch in der Leitung?«

»Ja, ich bin noch da . . . Also, offiziell weiß ich natürlich nichts von diesem Telefonat zwischen Ihnen und Dr. Scheel. Sie haben mir davon nichts erzählt. Trotzdem, vielen Dank.«

»Nein, das habe ich Ihnen nicht erzählt«, verspricht Dr. Steinkühler. »Ich kann schweigen wie ein Grab . . . äh, ich meine, wie meine Leichen . . .« und lacht dabei in den Hörer.

»Na, ich wünsche ihnen trotzdem noch einen schönen Tag . . . Und grüßen Sie Ihre Leichen von mir«, sagt Haverbeck und legt auf.

Er gießt sich etwas Schwarztee aus seiner Thermoskanne in einen Becher, dessen Innenseite ebenso dunkel ist wie der Tee. Weil schon seit Wochen die Tabs für die Geschirrspülmaschine, die neben der Eingangstür steht, aufgebraucht sind und sich niemand um neue kümmert, ist der Hygienestandard nicht nur in seinem Becher sichtbar gesunken.

Haverbeck blickt zu seinem Mitarbeiter, der sich schon wieder in seine staubigen Akten vergraben hat.

»Na, Herr Landmann, da haben Sie nicht nur ein Fachgespräch mitbekommen, sondern gleich auch noch einen Einblick in Themen erhalten, mit denen ich mich auch noch so herumschlagen muss. Das behalten Sie aber für sich. Das wird niemandem erzählt. Auch nicht Ihrer Freundin.«

»Ich habe keine . . .«, sagt er, um sich gleich zu verbessern, » . . . ich meine, ich habe derzeit keine.«

Haverbeck nimmt Landmanns Versuch, sich als durchaus bindungsfähiger und -williger Mensch darzustellen, wortlos zur Kenntnis. Was soll er als Junggeselle auch schon sagen? Erfolgsgeheimnisse in Punkto Partnerschaft kann er jedenfalls nicht verraten. Auch wenn es derzeit mit seiner Freundin gar nicht so schlecht läuft.

Haverbeck hält mit beiden Händen den Becher fest und beobachtet die schillernde Oberfläche seines Schwarztees. Er muss unwillkürlich an seinen Chef denken. Als würde die tägliche Arbeit nicht schon genug Energie aus ihm herausziehen, muss er sich jetzt auch noch mit solchen Intrigen beschäftigen. Was der Kriminalrat Dr. Hans Scheel den ganzen lieben Tag macht, außer Zeitungen zu lesen und ab und zu seine Leute zusammenzutrommeln, um sie mit überflüssigen Ratschlägen von der Arbeit abzuhalten, hat ihm bislang niemand erklären können. O-Ton Dr. Scheel: »Wir müssen sparen. Denken Sie daran. Kopieren Sie nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt.« Oder: »Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit. Nehmen Sie auch mal die Treppe und nicht nur den Fahrstuhl.« Jetzt weiß Haverbeck, dass irgendwelche Aktionen hinter seinem Rücken dazu gehören. Doch was genau hat sein Chef vor? Diese Frage geht ihm nicht aus dem Kopf. Dass seine Art, Fälle zu bearbeiten, mehr Fragen als üblich zu stellen, vielen im Haus nicht gefällt, hat man ihm schon mehr als einmal deutlich gemacht. Er ahnt es schon: Die gleichen Vorwürfe wird er bei diesem Fall wieder hören. Denn einen eigentlich abgeschlossenen Vorgang wieder aufzurollen und Arbeitszeit zu investieren, wenn woanders angeblich wichtigere Dinge warten, das mag Dr. Scheel überhaupt nicht. Dass er ihn loswerden und in eine andere Abteilung wegloben will, ist aber eine völlig neue Dimension. Und Haverbeck befürchtet, dass das seine aktuellen Rückenprobleme noch verschlimmern könnte. Doch in dem Polizeihauptkommissar weckt sein Chef mit solchen Plänen ungeahnte Widerstandskräfte: So schnell wird er mich nicht los.

2. Stufe für Stufe

Haverbeck geht Stufe für Stufe die Treppe nach oben, über die die gusseiserne Ofenplatte nach unten gerutscht ist. An allen Kanten der Steintreppe sind Absplitterungen zu erkennen. Auch auf der Platte selbst hatte die Spurensicherung Staub und Abrieb von der Treppe gefunden. Dass die Platte über die Treppe gerutscht ist, daran gibt es keinen Zweifel. Maria Demoli, die Frau des Toten, ist nicht mit in den Keller gegangen. Die zierliche Witwe steht oberhalb der Treppe und stützt sich mit einer Hand an der Wand ab. Ihr schwarzes Haar ist zu weichen Wellen frisiert, die wippend jede ihrer Kopfbewegungen begleiten. In der anderen Hand hält sie ein hellgrün umhäkeltes, weißes Taschentuch. Ihr schmales, sehr zartes Gesicht ist verweint. Offiziell ist es ein tödlicher Arbeitsunfall, davon geht auch die Witwe aus, die ihren Mann noch in der Nacht tot aufgefunden hatte. Sie wundert sich deshalb auch, warum zwei Tage später die Polizei nochmal im Haus ist. Und dann noch jemand von der Kriminalpolizei. Haverbeck weiß, dass er seine Fragen entsprechend behutsam stellen muss.

»Wer arbeitet denn jetzt in der Küche?«

»Mein Sohn, Luigi. Das ist ein würdiger Nachfolger. Pizza backen kann er. Er ist nur noch nicht ganz so schnell.« Sie lächelt ein wenig, doch der Drang ihrer Tränen ist stärker.

Haverbeck versucht das Gespräch am Laufen zu halten. »Ein Kollege hat mir erzählt, dass Ihr Mann bei den Gästen sehr beliebt war . . .«

»Ja, deshalb lief das Geschäft auch so gut. Er kannte viele unserer Gäste, etliche hat er geduzt. Mein Sohn ist vom Naturell her eher etwas zurückhaltender. Er ist nicht so der Typ, der schulterklopfend von Tisch zu Tisch gehen kann. Aber ich glaube, er wird das noch lernen. Er ist ja noch jung.«

»Auch wenn Ihr Mann beliebt war, gab es Menschen, mit denen er sich gestritten hat?« fragt Haverbeck, der hofft, ihr bedeutsamere Informationen entlocken zu können.

»Ich verstehe Ihre Frage nicht. Mein Mann ist die Treppe heruntergefallen. Und Sie fragen, ob er sich mit jemandem gestritten hat. Warum fragen Sie das?«

Haverbeck hat die Auskunftsfreude der Witwe überschätzt. Häufig geben Trauernde bereitwillig Auskunft, einfach nur um zu reden, ihren Schmerz mit Worten kleinzuhalten. Bei ihr ist es schwieriger, warum auch immer. Weshalb sich Haverbeck entschließt, sie behutsam mit seiner Version der Todesumstände zu konfrontieren.

»Also, Frau Demoli, es ist so und daran gibt es auch keinen Zweifel: Ihr Mann ist die Treppe heruntergefallen und wurde dann von der nachrutschenden Ofenplatte erschlagen. Haben Sie eigentlich irgendwelche Geräusche gehört? Wenn eine schwere Metallplatte eine Steintreppe herunterrutscht, macht das doch einen höllischen Lärm.«

Die Witwe schüttelt den Kopf. »Ich höre abends häufig Musik, italienische Popmusik, Eros Ramazzotti und so was. Weil das meinem Mann nicht passte . . . ich meine, er liebte andere Musik, da habe ich mir immer Kopfhörer aufgesetzt. Je lauter die Musik, desto besser fühle ich mich. Da kann ich den Tag und die Arbeit und alles andere vergessen.« Ein schwaches Lächeln huscht über ihr verweintes Gesicht. Sekunden später schluchzt sie wieder und schnieft in das mittlerweile ziemlich feuchte Häkeltaschentuch.

»Wir müssen uns die Todesumstände natürlich ganz genau ansehen. Das ist unsere Pflicht und dafür werden wir bezahlt. Ohne eine intensive Untersuchung geht es nun mal nicht. Das werden Sie sicherlich verstehen.« Haverbeck spürt, wie er um den heißen Brei herumredet, anstatt ihr zu sagen, dass auch ein Mord dahinterstecken könnte. Dann sendet in diesem Moment auch noch sein Rücken Schmerzsignale in das rechte Bein, fast so, als ermahne ihn eine Bandscheibe, mit der trauernden Witwe behutsam umzugehen. »Also wir sind verpflichtet, alle anderen Todesarten auszuschließen . . .«

Jetzt wird dieser verbale Eiertanz Maria Demoli zu dumm. »Ja, an welche Todesart denken Sie denn?« unterbricht sie ihn. Der kräftige Ton überrascht Haverbeck. Trotzdem ist für ihn die Frage eine Erlösung. Maria Demoli spricht aus, was er aus Rücksichtnahme nicht zu sagen gewagt hat. Der Italienerin, die bislang leicht nach vorne gebeugt dastand, scheint ihre eigene Frage völlig neue Kraft zu verleihen. Sie hebt den Kopf nach oben, drückt ihren Brustkorb nach vorne und sieht plötzlich gar nicht mehr wie eine trauernde Witwe aus. Haverbeck glaubt südländisches Feuer in ihren rehbraunen Augen zu sehen. Er ist sich in diesem Moment nicht mehr so sicher, ob seine Treppen-Recherche wirklich sinnvoll ist. Und dann sein Rücken. Der meint es nicht gut mit ihm, es zieht fürchterlich. Um die Schmerzen nicht stärker werden zu lassen, entschließt sich Haverbeck, auf der oberen Treppenstufe Platz zu nehmen.

»Ich habe Schmerzen im Bein, das macht der Rücken. So halte ich das so besser aus«, erläutert er verkrampft lächelnd seinen Positionswechsel und kann der erstaunten Witwe förmlich unter ihren ziemlich kurzen Rock blicken, was ihm erst in diesem Moment peinlich berührt auffällt. Auch ihr ist diese neue Position des Kriminalhauptkommissars unangenehm, denn sie macht einen Schritt weg von der Treppe. Haverbeck versucht den kriminalistischen Faden nicht völlig zu verlieren. »Ich will nicht ausschließen, dass bei diesem Todesfall Fremdverschulden eine Rolle gespielt hat . . .«

»Wie, mein Mann soll umgebracht worden sein?« übersetzt sie sein Juristendeutsch. »Ja, von wem denn?«

Ob nun aus Solidarität oder weil sie diesen neuen Gedanken erst einmal in Ruhe verarbeiten muss, nimmt Maria neben ihm Platz. Sie drückt ihr nasses Taschentuch wieder gegen die feuchte Nasenspitze und tupfte mit den weniger nassen Stellen die gelegentlich noch fließenden Tränen ab. Die Witwe, die er so auf Ende 30 schätzt, sagt gar nichts. Haverbeck auch nicht. Sie sitzt so dicht neben ihm, dass er ihren Atem spürt und den Duft ihres Körpers einatmet. Und der riecht verdammt gut. Haverbeck muss schlucken und aufpassen, dass er nicht vergisst, warum er überhaupt bei ihr ist.

»Von wem ihr Mann umgebracht wurde, also das wissen wir noch nicht so richtig. Ich meine, wir wissen es nicht, also überhaupt nicht. Ich kann noch nicht einmal mit Sicherheit sagen, dass es Mord war. Ich gehe erst mal nur von der Vermutung aus, dass es kein Unfall war.«

Maria dreht ihm langsam ihr Gesicht zu und sieht ihn skeptisch mit ihren rehbraunen Augen an. Auf der Stirn ihres ansonsten glatten Gesichts tauchen plötzlich mehrere Längsfalten zwischen ihren Augenbrauen auf. Was erzählt der Mann denn da bloß für dummes Zeug?

Haverbeck macht eine Pause. Zum einen muss er seinem unleugbar verwirrten Hirn etwas Erholung gönnen. Er spürt, dass mit und in ihm etwas schief läuft. Zum anderen will er mehr über Gorgio Demoli herausbekommen, will wissen, was er für ein Mensch war.

»Hatte Ihr Mann Feinde?«

»Nein, ich sagte doch bereits, er war beliebt bei den Gästen.«

»Von den Gästen abgesehen, gab es vielleicht Menschen, die ihm zum Beispiel seinen Erfolg nicht gönnten?«

Frau Demoli schüttelt den Kopf. »Nicht dass ich wüsste. Er traf sich sogar regelmäßig mit anderen Geschäftsleuten. Also, da war nichts. Mir ist jedenfalls nichts zu Ohren gekommen. Aber vielleicht hat er mir nicht alles erzählt.« Sie zuckt einmal kurz mit ihren Schultern, nimmt ihr Taschentuch und tupft einige Tränen weg. Die Bewegungen ihrer Hände und Arme fächern ihren Körperduft vor Haverbecks Nase. Er atmet ihn reflexartig tief ein.

»Den Unterlagen der Kollegen habe ich entnommen, dass Ihr Mann gebürtiger Italiener ist . . .«

»Als er klein war, ist er mit seinen Eltern nach Deutschland gekommen, genauso wie ich. Aber wir stammen aus ganz unterschiedlichen Regionen. Ich habe meine Kindheit in der Lombardei verbracht, in der Nähe von Mailand. Mein Mann stammt aus Bari. Das liegt am Mittelmeer in Apulien, im Süden.«

»Sind da nicht manchmal unterschiedliche Temperamente aufeinander geprallt?«

»Ach, Sie denken an die heißblütigen Süditaliener und die fast schon norddeutsch eingestellten Bewohner der Po-Ebene? Glauben Sie doch so was nicht. Das sind doch Vorurteile. Wir sind hervorragend miteinander ausgekommen.«

»Darf ich fragen, wie lange Sie verheiratet waren?«

»18 Jahre. Es waren schöne Jahre« und sie muss wieder zum Taschentuch greifen.

Haverbeck hätte gerne noch mehr erfahren. Denn wenn es ein Mord war, kann jedes Detail aus dem Leben des Toten wichtig werden. Doch er hält sich zurück. Er ahnt, dass das nicht das letzte Treffen mit Maria Demoli gewesen sein wird.

»Ihr Mann hatte doch sicherlich einen Notizkalender.«

»Er hat auf seinem Smart-Phone einen geführt. Aber ich habe da fast nie einen Blick drauf geworfen. Viele Termine hatte er nicht. Er war ja meistens in der Küche. Da gab es genug für ihn zu tun.«

»Wissen Sie, wo das Handy liegt?«

Ohne richterlichen Durchsuchungsbeschluss muss er behutsam vorgehen. Aber Maria Demoli scheint nichts gegen einen Blick in den Kalender zu haben. Sie stehen auf und gehen in das Arbeitszimmer, das zwei Etagen über der Pizzeria liegt, was Haverbecks Rücken auch klaglos mitmacht, obwohl die Treppen steil sind. Das Handy liegt auf dem Schreibtisch. Sie nimmt es, gibt das Passwort ein und sucht den Kalender.

»Ach, Sie kennen das Passwort?« wundert sich Haverbeck.

»Ja, ich kenne seins und er kennt . . . kannte . . . meins . . .«

Weiter kommt Maria nicht. Sie kann die Tränen nicht stoppen und reicht ihm das Gerät. Als sie merkt, dass sie ihr Taschentuch vermutlich auf der Kellertreppe hat liegen lassen, nimmt sie eine Packung Papiertaschentücher vom Schreibtisch. Sie zieht gleich mehrere Tücher auf einmal heraus und tupft mit dem Stapel die Tränen ab.

Haverbeck geht in dem Kalender einige Tage zurück. Viele Termine hat sich Demoli wirklich nicht notiert. Entweder weil er keine hatte oder sich die wichtigen Dinge einfach gemerkt hat. In der letzten Woche seines Lebens findet der Kriminalhauptkommissar eine einzige Notiz. Es ist ein Eintrag um 22 Uhr am Dienstag, der Zeitpunkt, an dem Demoli gestorben sein muss. Haverbeck geht einen Schritt auf die Witwe zu, hält ihr das Handy vors Gesicht und atmet wieder etwas von diesem weichen, warmen Duft ein, der sie umhüllt. Sein Rücken meldet sich diesmal nicht. Dafür aber seine Knie, die ganz weich geworden sind. Er schließt für einen kurzen Moment seine Augen und holt tief Luft.

»Sagt Ihnen der Eintrag etwas?«

»Ok?«

»Nein, ‚C.k.‘ heißt das. Ein großes C und ein kleines k und dahinter jeweils ein Punkt.«

»Ich sehe alles leicht verschwommen, entschuldigen Sie bitte. Nein, die Buchstaben sagen mir nichts.«

»Wollte an dem Tag jemand kommen oder wollte Ihr Gatte irgendwo hin?«

»Es kann sein, dass jemand kommen wollte. Vielleicht war auch jemand da. Ich habe doch nicht den ganzen Tag hinter ihm gestanden.«

Haverkamp geht einen Schritt zurück und macht sich ein paar Notizen in seinem Block. »Wenn Ihnen noch etwas einfällt, von dem Sie glauben, dass es für uns wichtig sein könnte, melden Sie sich. Hier ist mein Kärtchen, ganz unten rechts finden Sie meine Durchwahl.«

Maria Demoli nickt stumm. Haverbeck geht wieder einen Schritt auf sie zu. »Eine Frage habe ich doch noch. Haben Sie Kleidung mit Kaschmir im Haus?«

»Ich habe einen Kaschmirschal, den habe ich mir mal gekauft, als es ihn im Angebot gab.«

»Welche Farbe hat er denn?«

»Blau, es ist ein dunkles Blau. Aber ich habe ihn schon länger nicht mehr getragen.«

»Ihr Mann hatte nichts aus Kaschmir?«

Maria Demoli überlegt kurz und schüttelt den Kopf. »Nein, nichts, weder Schal noch Pullover. Warum fragen Sie denn?«

»Wir haben Kaschmirfasern an der Ofenplatte gefunden. Und da Ihr Mann nichts mit Kaschmir anhatte, suchen wir jetzt ein Kleidungsstück aus diesem Material.«

Haverbeck schaut noch einmal in seinen Notizblock und dann der schönen Witwe in ihre Augen. In ihrem Gesicht glaubt er ein zartes Lächeln entdeckt zu haben. »Das war’s jetzt aber wirklich. Mehr Fragen habe ich nicht. Vorerst jedenfalls nicht.«

Beide gehen die Treppe hinunter in den Gastraum. Er folgt ihr so dicht, dass er aufpassen muss, ihr nicht in die Hacken zu treten. Das gewellte Haar wippt mit jeder Stufe und ihr warmer Duft folgt ihr wie der Schweif einem Kometen.

Bei der Verabschiedung zuckt er innerlich zusammen, als Maria Demoli ihre weiche und so zerbrechlich wirkende Hand um seine schließt. Diesmal lächelt sie ihn wirklich an. Er muss schlucken und hält ihre Hand länger fest als bei solchen dienstlichen Terminen üblich, was ihr nicht entgeht. Ihr Lächeln wird für einen kurzen Moment noch intensiver. Er nickt ihr kurz zu und verlässt das Haus durch den Gaststättenraum.

Draußen atmet Haverbeck mehrmals tief ein und aus. Er geht langsam zu seinem Auto und streckt dabei seine Arme abwechselnd nach oben. Zum einen, um seinen Rücken zu besänftigen, zum anderen, um den Duft dieser Frau aus der Nase zu bekommen. Noch nie hat er es erlebt, dass dienstliche Belange sich so unentwirrbar mit privaten Gefühlen vermischen. Hat er überhaupt alle Fragen gestellt, die er hätte stellen müssen? Haverbeck holt noch einmal tief Luft. Doch es hilft nichts. Ein paar Moleküle bleiben in den weit verzweigten Kammern und Nischen seines Riechapparates zurück. Da kann er atmen, soviel er will. Diese Moleküle werden ausreichen, ihn die nächsten Tage nachts schlecht schlafen und tagsüber gelegentlich merkwürdig verhalten zu lassen.

Ende der Leseprobe

Hier können Sie das Buch kaufen, auch in gedruckter Version!