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Der neue Haverbeck: Tod eines Musikers. Haverbeck ermittelt und lernt eine merkwürdige Welt kennen | Hauptkommissar Haverbeck ermittelt

Tod eines MusikersAm Ufer des Bielefelder Obersees wird ein Toter entdeckt. Die Spur führt Kriminalhauptkommissar Siegfried Haverbeck in die Sphäre der Bielefelder Hochkultur, denn der Tote ist Mitglied im Bielefelder Theaterorchester. Dort geht es ganz und gar nicht zivilisiert zu. An der Spitze steht ein Choleriker, der die Musiker schikaniert und seine Ehe mit Liebhaberinnen garniert. Auch andere Orchestermitglieder entsprechen ganz und gar nicht dem Bild, das man sich von einem Kulturorchester macht. Ein weiterer Toter bringt die Stadt in Aufruhr. Und es geht die Angst um, dass das erst der Anfang einer Mordserie sein könnte.

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XXL-Leseprobe aus Tod eines Musikers

1. Erzürne nie einen Dirigenten

Tod eines Musikers»Fortissimo, meine Herren, fortissimo, nur nicht so zaghaft. . . . Und meine Damen, das gilt erst recht für sie. Holen sie aus Ihren Instrumenten alles heraus. . . . Ja . . . gut. . . . Auch die Bässe . . . ja, ja. Gehen sie mit ihren Bögen richtig kraftvoll in die Saiten. Keine falsche Bescheidenheit. Wir spielen hier eine der wichtigsten Sinfonien der Welt. Nicht nur ihre Instrumente, auch der Saal muss vibrieren. Jeder Zuhörer muss die Töne in seinem Körper spüren.«

Vladimir Vladors Taktstock geht mit weit ausholenden Schwüngen durch die heizungswarme Luft der Bielefelder Konzerthalle. Mit dem Takt des Dirigierstabes schwingt der massige Körper des Generalmusikdirektors von einer Seite zur anderen. Wenn er nur dirigiert und dem Orchester keine Anweisungen gibt, dann arbeiten seine Lippen ihr eigenes künstlerisches Programm ab. Entweder sind sie zugespitzt, als wolle er pfeifen. Dann schließt er gelegentlich auch seine Augen und wäre dabei schon mehrmals fast vom Podest gefallen. Manchmal ist sogar ein leiser Grunzton zu hören. Oder er presst seine sinnlichen Lippen zusammen und zieht sie weit auseinander. Dann sieht er aus wie eine etwas unbeholfen hin und her wackelnde Ente. Vladimir Vlador, von den Musikern hinter vorgehaltener Hand auch »der Russe« genannt, ist dann ganz in seinem Element.

In wenigen Tagen, Ende November, wenn Beethovens fünfte Sinfonie aufgeführt wird, steht er seit fünf Jahren an der Spitze des Bielefelder Orchesters. Es soll ein großer Tag für ihn werden.

»Nein, Fini, Stopp, so nicht.« Seine kräftige, sonore Stimme klingt nicht mehr freundlich. Aus der unbeholfenen Ente ist urplötzlich ein mächtiger russischer Bär geworden, dem man sich lieber nicht in den Weg stellt.

»Ab Takt 98 nochmal, alle zusammen.« Der Befehlston lässt die Geiger an den Pulten in der Nähe des Dirigenten zusammenzucken. »Bitte lesen sie die Noten genau. Insbesondere den Streichern lege ich das nahe. In Takt 118, das ist eine viertel Note, keine achtel oder irgendwas anderes. Wenn das da so steht, dann soll das auch so gespielt werden. Sonst können wir uns das Notenlesen auch sparen. Herr Beethoven wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Das kann doch nicht so schwer sein.«

Hans Berlach, der erste Geiger, schließt kurz die Augen, atmet einmal tief durch und sieht dann Georg Brandt an. Das Signal an seinen Pultnachbarn ist eindeutig – der Russe nervt mal wieder. Doch lautstarken Protest gibt es nicht. An die eigentlich unverschämten Kommentare haben sich die Musiker mittlerweile gewöhnt, zumindest protestiert keiner öffentlich.

Georg Brandt lässt den Redeschwall ohne äußere Regung über sich hinwegschwappen. Fraglich ist, ob er überhaupt mitbekommt, was sein Chef sagt. Denn wenn Brandt pausiert und seine Geige absetzt, ist er mit seinen Gedanken oft in einer anderen Welt. In der geht es zwar auch um Geigen. Doch die sind zu einer Handelsware geworden, denn Brandt stockt sein Gehalt mit dem Verkauf von Streichinstrumenten ordentlich auf.

Sein derzeitiges Problem: Mit welchen unschlagbaren Argumenten kann er einem potentiellen Käufer eine schon etwas ramponierte italienische Geige von Pietro Giovanni Guarneri aus dem Jahr 1715 anbieten, die er vor einem halben Jahr einer Musiker-Witwe für ein Taschengeld abgeschwatzt hat? (Was wollen Sie denn damit? Vom Herumliegen wird das Instrument auch nicht besser, der Klang leidet.) Seit gut drei Wochen hat er den Interessenten an der Angel. Nur der Kerl ziert sich. Zugegeben, 150.000 Euro ist viel Geld. . . . Was hat der Russe gesagt?

Kaum hat das Orchester einige Takte gespielt (Brandt hat doch glatt den Einsatz verpasst), winkt Vlador energisch mit der linken Hand ab. »Halt, halt.« Er presst seine Lippen zusammen und die Hand wird kurzzeitig zur Faust. Er senkt den Kopf und atmet hörbar durch die Nase ein und aus. Er streicht sich langsam über die Stirn, so als würde er einige Schweißtropfen wegwischen, die dort aber nicht sind. Die Erfahrung der Musiker besagt: Bei dieser Lippen-Faust-Schweißtropfen-Konstellation ist Vorsicht angebracht. Sie signalisiert die Ruhe vor dem Sturm. Das Orchester verstummt langsam. Zuerst nehmen die Streicher ihre Bögen von den Saiten. Die Blechbläser setzen als letzte ihre Instrumente ab. Sie lassen sich immer ein paar Sekunden länger Zeit. Fast scheint es so, als hätten die Frauen und Männer mit ihren Trompeten und Posaunen, die erhöht auf einem Podest sitzen, sich zu dieser kleinen Dauerrebellion verabredet.

»Nein, nein, nein und nochmals nein.« Bei jedem Nein hämmert Vlador seinen Taktstock auf das Notenpult, worunter die Partitur leidet, die dort liegt. Denn die Stockspitze bohrt mit jedem Schlag ein kleines Loch in das vom vielen Herumblättern ohnehin schon stark beanspruchte Notenpapier. Hätte er nach dem dritten Schlag mit seinem Wutausbruch mal lieber Schluss gemacht. Denn den vierten überlebt der Taktstock nicht. Er bricht durch. Das obere Teil fliegt dem Cellisten rechts neben ihm gegen sein teures Instrument. Den unteren Teil wirft Vlador wie ein leeres Wodkaglas über seine rechte Schulter in Richtung der leeren Besuchersitze. Was den Eindruck verstärkt, den einige Musiker schon seit geraumer Zeit hegen: Die Nummer mit dem Taktstock ist Show, fast schon ein Ritual, das mindestens einmal im viertel Jahr dran ist. Doch diesmal ist es nicht ohne Folgen geblieben.

»Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie gerade mein Instrument beschädigt haben.« Der sonst so stille Ferdinand Lopez deutet mit einem zittrigen Zeigefinger auf die geplatzte Lackstelle, die das spitze Holzstöckchen auf seinem Cello hinterlassen hat. Der Russe blickt ihn an, als wolle er sich mit einer solchen Lappalie zumindest jetzt nicht beschäftigen. Doch weil 67 Augenpaare die Beschwerde des Cellisten mitbekommen haben, steigt er mit väterlichem Lächeln, wenn auch widerwillig, von seinem Thron, geht zu dem Taktstock-Opfer, beugt sich nach vorne und inspiziert die besagte Stelle. Er fährt mit seinem dicken Daumen darüber und blickt den immer noch aufgebrachten Cellisten an, als wolle er sagen, dass es doch gar nicht so schlimm sei. Dann flüstert er ihm etwas zu. Doch er spricht immer noch so laut, dass die Kollegen in der Nähe zwar nicht alles verstehen, aber zumindest den Satz: »Da werden wir uns schon handelseinig. Kommen Sie nach der Probe in mein Büro.«

Auf dem Dirigentenpodium wieder angekommen, geht Vlador mit erstaunlich ruhig vorgetragenen Erläuterungen auf die Takte ein, die ihn so in Rage gebracht haben. Aber er lässt die Stelle nicht mehr spielen. Er blättert einige Seiten weiter in seiner Partitur.

»Ab Takt 228, dort, wo das Fortissimo beginnt. Aber übertreiben Sie es nicht mit der Lautstärke.« Er lächelt milde. Man könnte meinen, die Folgen seines Wutausbruchs hätten ihn zumindest für heute zu einem sozialverträglicheren, wenn nicht gar besseren Menschen gemacht. Mit einem neuen Taktstock, den er aus einer neben seinem Notenpult stehenden Aktentasche gezogen hat, gibt Vlador das Tempo vor. Seine Augen sind geschlossen und sein Körper schwingt im Rhythmus der Musik hin und her. Plötzlich reißt er sie auf und sein Stöckchen kommt wieder zu einem nicht bestimmungsgemäßen Einsatz. Er klopft damit, wenn auch behutsam, ein paar Mal an sein Pult.

»Meine Damen und Herren, ich weiß nicht woran es liegt, ob am stürmischen Wetter oder woran auch immer. Nur hier spielt jemand«, und seine Stimme wird lauter, »ziemlich unsauber. Das werden wir ändern. Bitte ab Takt 248 die zweiten Geigen alleine.«

Zehn Männer zwischen Mitte Zwanzig und kurz vor dem Ruhestand nehmen ihre Instrumente und spielen wie ihnen befohlen. Sie wissen, dass in diesem Moment ein unwürdiges Spiel begonnen hat. Nach ein paar Takten winkt der Russe ab.

»Das vierte Pult alleine.« Sein kaltes Lächeln signalisiert, dass er längst weiß, wie das Vorspiel enden wird. An diesem Pult sitzen Berti Karl und Mario Runde.

Karl geht in vier Monaten in Rente. Er freut sich auf den Ruhestand, denn er hasst mittlerweile seinen Beruf. Den Satz »40 Jahre sind genug«, baut er seit Monaten in jedes Gespräch mit Kollegen ein. Dazu passend hat er sich wie zu seiner Bundeswehrzeit ein Maßband gekauft, von dem er jeden Tag einen Zentimeter abschneidet. Es hängt in seinem Spind (ohne Pin-up-girl) im Probenraum. Gelegentlich gibt Karl sogar noch eine verschärfte Variante von »40 Jahre sind genug« zum Besten: Nie, nie wieder werde er eine Geige in die Hand nehmen, geschweige denn auf einer spielen. Von seinem Plan, seine zwei Instrumente als Höhepunkt einer Abschiedsfeier in ein Feuer zu werfen, hat er aber wieder Abstand genommen. Sein Rentenberater hat ihm davon abgeraten (und ganz ernst hat er es ohnehin nie gemeint). Weshalb er überlegt, seine Instrumente den nebenberuflichen Geigenhändlern unter seinen Kollegen zum Kauf anzubieten. Georg Brandt ist längst nicht der einzige, der sich so ein nettes Zubrot verdient.

Der zweite am Pult, Mario Runde, ist mit seinen 25 Jahren der jüngste im Orchester. Nicht, dass sein Geigenspiel schlecht wäre. Aber man munkelt, dass bei seiner Einstellung persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt haben sollen. Er gehört zu den Musikern, die ein zweites Instrument professionell beherrschen, was immer gerne gesehen wird. Wenn die Schlagzeuger zusätzlichen Bedarf haben, weil ein Komponist meint, es müsse ordentlich Krach gemacht werden, greift man ohne Zusatzkosten auf ihn zurück. Rhythmusgefühl zumindest hat er.

Vlador gibt den Einsatz. Er steht auf seinem Podest. Die Augen hat er geschlossen, der Kopf ist nach unten geneigt. Seinen linken Arm hat er auf seine Gürtelschnalle gelegt, so als habe er Bauchschmerzen oder werde sie gleich bekommen. Fast schon gelangweilt gibt er minimalistisch aus dem Handgelenk heraus mit dem Dirigierstab den Takt vor. Es ist nicht zu überhören, irgendeiner der beiden Violinisten spielt das F auf der D-Seite immer einen Tick zu hoch. Den Bruchteil eines Millimeters setzt jemand den zweiten Finger zu hoch auf das Griffbrett, was sich bei zehn Streichern eigentlich nicht störend bemerkbar macht. Aber der Russe hört es. Weder wird er, wie viele Orchestermitglieder, von einem Tinnitus geplagt, noch hat er überhaupt irgendwelche Hörprobleme, trotz seiner 52 Lebensjahre und der Tatsache, dass er seit einigen Jahren an Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck leidet. Nach zehn Takten nimmt er seinen Arm vom Bauch und winkt ab. »Herr Karl, spielen Sie bitte einmal die Stelle.«

Vlador geht wieder in seine Bauchschmerzposition und gibt ruhig den Takt vor. Berti Karl trifft das F auf Anhieb sauber, ohne nachjustieren zu müssen. Vlador nickt zufrieden den Kopf. »Spasiba«, sagt er nach einigen Takten. Er liebt es, gelegentlich auf seine sprachlichen Wurzeln hinzuweisen.

Vladimir Vlador senkt langsam seinen Taktstock. Für mehrere Sekunden hält er seinen Kopf nach unten geneigt, so als würde er meditieren. Dann holt er tief Luft und sieht Mario Runde mit bohrendem Blick an. Über dem Orchester liegt eine gespenstische Ruhe. Runde hat schon beim Vorspiel seines Pultnachbarn einen roten Kopf bekommen. Aber jetzt, wo ihn der Russe mit seinem Blick förmlich aufspießt und ihn für das gesamte Orchester gut sichtbar quasi in die Höhe hebt, glüht er. Er zappelt und wehrt sich. Aber sein Chef lässt ihn nicht los. Hier ist er, der Übeltäter. Seht ihn euch an. So ergeht es jedem, der meine Ohren beleidigt.

Auch ohne Vorspiel vor dem gesamten Orchester – mehr Demütigung geht nicht. Oder besser: fast nicht. Diese letztmögliche Karte beim Musikerquälen wollte Vlador in diesem Fall dann doch nicht ausspielen. Das hat er bisher erst einmal gemacht. Die Konsequenzen waren fatal.

Gottlieb Kleiner, einer am letzten Pult der zweiten Geigen, der bekanntermaßen nichts vom Üben hielt, musste eine wirklich fummelige Stelle aus irgendeiner Symphonie von Brahms alleine vorspielen. Das akustische Ergebnis war desaströs. Zwei Tage später brachte er den Fahrplan der Bundesbahn durcheinander und einen Lokführer in die Psychiatrie. Bei seiner Beerdigung waren fast alle Kollegen anwesend. Der Russe konnte nicht kommen. Seine Geliebte aus dem Ballett-Ensemble war ihm einen Tag zuvor weggelaufen. Als die Glocken der Friedhofskapelle läuteten, lag er im Bett, spülte seinen Liebeskummer mit Wodka herunter und ließ sich von seiner Frau pflegen.

 

2. Das Liebesleben der Musiker

 

Mittlerweile ist das außereheliche Liebesleben des Dirigenten aber wieder im Lot. Eine Freundin der untreu gewordenen Tänzerin, ebenfalls Mitglied des Tanzensembles, hat die hinterlassene Lücke aufgefüllt. Sibylle Bergdorf lag zuvor in den Armen und im Bett eines anderen Musikers. Der heißt Boris Ziborski, ist ebenfalls verheiratet und verdient im Orchester als erster Bassist sein Geld.

Bis heute hat er die abrupte Trennung nicht verschmerzt. Wann immer Ziborski seinen Chef sieht (und er sieht ihn fast täglich), steigt Wut in ihm auf. Obwohl er, von diesem hormonell bedingten Ereignis einmal abgesehen, ihm eigentlich dankbar sein müsste. Denn Vlador war es, der sich für eine Aufnahme seines Studienkollegen im Orchester stark gemacht hat. Und hätte der junge Boris zu Sowjetzeiten nicht in Vladors Vater einen energischen Fürsprecher gefunden, wäre er wegen einer studentischen Flugblatt-Aktion mit ziemlicher Sicherheit für Jahre in ein sibirisches Straflager gekommen.

Doch von Dankbarkeit keine Spur. Mehr noch: Seit Sibylle Bergdorf das Bett gewechselt hat und in den Augen ihrer Freundinnen einen sozialen Aufstieg vollzogen hat (wenngleich auch nur als Geliebte des Dirigenten, aber das muss ja nicht immer so bleiben), ist der einstmals freundschaftliche Umgangston zwischen den beiden Landsmännern einem kalten Krieg gewichen. Der Kontakt bleibt auf das dienstlich Notwendige beschränkt.

Was diese Episode exemplarisch zeigt: Das Bielefelder Orchester ist nicht nur ein über die Grenzen der Stadt bekannter Klangkörper, sondern ein lebender Organismus, der dank heftiger Hormonschwankungen seiner männlichen Mitglieder immer in Bewegung bleibt. Außenstehende würden sagen: Denen wird es nie langweilig. Reichlich Wodka und ein abwechslungsreiches Liebeslieben. So sind sie halt, die Musikusse.

Georg Brandt ist auch so ein Fall. Er ist nicht nur auf der Suche nach wertvollen Geigen, sondern immer auf der Suche nach bindungswilligen jungen Frauen. Die Fluktuation ist bei ihm, wie bei vielen anderen Kollegen, groß, aus welchen Gründen auch immer. Junge Frauen mit neugierig großen Augen und zarten Gesichtern, samtweicher Haut und anschmiegsamen Körpern entdecken Brandt und seine Kollegen vorzugsweise bei Premierenfeiern und ähnlichen Ereignissen, die in der Szene unter der Bezeichnung Kulturevents laufen. Bei Licht besehen handelt es sich aber um nichts anderes als mit Steuergeldern finanzierte Partnertauschbörsen, bei denen Fingerfood mit Prosecco gereicht wird und die durch die Anwesenheit des Oberbürgermeisters und anderer Honoratioren der Stadt den Siegel der Seriosität erhalten, jedenfalls bis zirka 23 Uhr.

Wenn dann die Politprominenz die Räumlichkeiten verlassen hat, ist es zu vorgerückter Stunde schon vorgekommen, dass sich zwei Kulturschaffende an den Kragen gegangen sind. Das Ablaufschema ist immer ähnlich: Es beginnt erst mit einem lauter werdenden Wortwechsel, in dessen Verlauf Sekt über den Frack des jeweils anderen gekippt wird. Wofür man sich natürlich entschuldigt, auch wenn die Attacke geplant und voller Absicht war. Entweder wird dann jemand umgeschubst oder es werden versteckt und kühl lächelnd derbe Stöße mit dem Ellbogen in die Magen- und Rippengegend gesetzt. Offene Prügeleien sind äußerst selten, gilt es doch die Form zu wahren (es handelt sich immerhin um ein Kulturorchester).

Hinzu kommt: Die Gefahr, sich an den Händen zu verletzten, ist zu groß. Die Finger sind bei allen Musikern das wichtigste Kapital, das man nicht aufs Spiel setzen will. Obendrein käme bei Verletzungen die Berufsgenossenschaft ins Spiel. Den Ärger wollen die Orchestermitglieder dann doch nicht haben. Lediglich die Kollegen aus dem Ex-Ostblock lassen sich mentalitätsbedingt schon mal zu einem Faustschlag hinreißen. Der kommt dann zum Einsatz, wenn der kulturelle Hintergrund es quasi erzwingt, zum Beispiel, weil die männliche Ehre oder was auch immer danach schreit.

Anlässe für Auseinandersetzungen gibt es viele. Häufig kommen sich Kollegen ins Gehege, die zusammen an einem Notenpult sitzen und zwischen denen die Chemie nicht stimmt. Zum Beispiel weil sich einer beharrlich weigert, die Noten umzublättern und diese Tätigkeit giftig schmunzelnd dem Pultnachbarn überlässt, dem das auf Dauer natürlich übel aufstößt, weil das seinem Gerechtigkeitsgefühl zuwider läuft.

Hauptanlass für Konflikte sind aber immer noch die Freundinnen und Liebhaberinnen, insbesondere, wenn sie von einem Kollegen ausgespannt wurden. Georg Brandt, der unverheiratet ist, hat in dieser Hinsicht einen sehr schlechten Ruf, weshalb er schon mehr als einmal am nächsten Tag mit blauen Flecken am Brustkorb aufgewacht ist. Die Schmerzen halten sich aber in der Regel in Grenzen, liegt doch der Anlass für die tätliche Auseinandersetzung meist neben ihm im Bett und spendet schmerzlindernden Trost.

Ende der Leseprobe

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